War Georg Elser Mitglied bei den Naturfreunden?

Äußerung eines Königsbronner Jugendfreundes soll Mitgliedschaft in Konstanz belegen

Es gibt keinen Beweis dafür, dass Georg Elser Mitglied der Konstanzer Naturfreude war. Dank der Forschung von Bruno Klaus Lampasiak und Oliver Kersten, zweier prominenter Vereinsfunktionäre der Naturfreunde, weiß man jetzt, wo diese Legende ihren Ursprung hat und dass es sich um ein Phantasieprodukt handelt.


VON PETER KOBLANK (2010)

   Naturfreunde-Logo
Historisches Logo der Naturfreunde

Die Naturfreunde wurden im September 1895 von dem sozialistischen Lehrer Georg Schmiedl in Wien ins Leben gerufen. Von Österreich aus wurde 1905 die Naturfreunde-Internationale gegründet. 1933 hatten die Naturfreunde rund 200.000 Mitglieder in 22 Ländern. Während des Dritten Reichs war die Organisation in Deutschland verboten, die Mitglieder wurden verfolgt, die Naturfreundehäuser beschlagnahmt.1

Laut Wikipedia war Georg Elser Mitglied der Naturfreunde.2

Die Naturfreunde waren in der damaligen Arbeiterbewegung stark verankert und übten auch auf Kommunisten eine gewisse Anziehungskraft aus. Georg Elser war Mitglied in der Gewerkschaft des Holzarbeiterverbandes, KPD-Wähler und Mitglied im Roten Frontkämpferbund, der seit 1929 illegalen paramilitärischen Truppe der KPD.3 Es ist durchaus möglich, dass er Veranstaltungen der Naturfreunde besucht hat oder auch Vereinsmitglied war.

Allerdings gibt es keine einzige Quelle, derzufolge Elser sich selbst als Naturfreunde-Mitglied bekannt hat. Dies gilt auch für das sogenannte Gestapo-Protokoll, wo er fünf Mitgliedschaften angab.4 Dass Elser bei seinen Verhören außerdem noch die Mitgliedschaft im Trachtenverein "Alpenrose" in Konstanz sowie in einem Abstinenzlerverein in Kreuzlingen (direkter Nachbarort von Konstanz in der Schweiz) genannt haben muss, wissen wir aus dem sogenannten Schweizer Ermittlungsbericht.5 Elser war demzufolge Mitglied in folgenden Vereinigungen:

  • Gewerkschaft des Holzarbeiterverbandes
  • Zitherclub in Konstanz
  • Trachtenverein "Oberrheintaler" in Konstanz
  • Trachtenverein "Alpenrose" in Konstanz
  • Roter Frontkämpferbund in Konstanz
  • Freier Abstinentenverein Kreuzlingen
  • Zitherclub in Königsbronn


Die Naturfreunde-Legende entstand fünfzig Jahre nach dem Attentat

Die Naturfreunde-Mitgliedschaft Elsers wurde von Helmut Ortner, dem ersten Elser-Biografen, in Umlauf gebracht. Er schrieb 1989, also fünfzig Jahre nach dem Bürgerbräu-Attentat:6

"Nicht nur im Orchester des Trachtenvereins, wo er wegen seines musikalischen Talents mittlerweile ein unentbehrlicher Mitspieler geworden war, auch bei den Konstanzer 'Naturfreunden' war Georg inzwischen gerngesehenes Mitglied. Dort, unter politisch Gleichgesinnten, fühlte er sich wohl. Mit seiner Meinung hielt er sich dennoch zurück. Er war kein Freund großer Worte. ... Eine unausgesprochene Übereinstimmung, ein gleiches Gefühl für das, was sich um ihn herum tat, wie er seinen Alltag, seine Probleme sah, fand er bei den 'Naturfreunden' und dem Wanderverein, denen er sich schon in seiner Konstanzer Zeit angeschlossen hatte"

Diese Passage findet sich auch in allen späteren überarbeiteten Auflagen von Ortners Elser-Biografie.


Woher weiß Ortner das?

Dieser Schilderung Ortners sind jetzt Bruno Klaus Lampasiak, ehemaliger stellvertretender Präsident der Naturfreund-Internationale, und Oliver Kersten, Vorsitzender des Historischen Beirates der Naturfreunde Berlin, nachgegangen.

Sie erhielten von Ortner die Auskunft, er sei im Rahmen der Recherchen zu seiner Biografie Ende der 1980-er Jahre in Königsbronn gewesen. Dort habe ihm Elsers Jugendfreund Eugen Rau im persönlichen Gespräch mitgeteilt, Elser sei "im örtlichen Naturfreundeverein" gewesen. Ob er "auch Mitglied" gewesen sei, dürfte sich laut Ortner im Vereinsregister der Gemeinde Königsbronn ermitteln lassen.7


Hagiografisches Phantasieprodukt

Es handelt sich hier um ein Paradebeispiel für Hagiografie.8 Statt die von nur einem einzigen in Königsbronn lebenden Zeitzeugen stammende Aussage, Elser sei dort "bei den Naturfreunden" gewesen, durch weitere Recherchen abzusichern, wird sie an einen anderen Ort verlegt und mit frei erfundenen Details ausgeschmückt, wie man es von Heiligenlegenden her kennt:

  • Elser sei in seiner Konstanzer Zeit bei den dortigen Naturfreunden Mitglied gewesen.
  • Elser sei dort gern gesehen worden.
  • Elser habe dort politisch Gleichgesinnte gefunden.
  • Elser habe sich dort wohlgefühlt.
  • Elser habe aber dennoch mit seiner Meinung zurückgehalten (wozu es unter politisch Gleichgesinnten eigentlich gar keinen Grund gab).
  • Elser sei kein Freund großer Worte gewesen (was ausnahmsweise tatsächlich stimmt und von mehreren Zeitzeugen, allerdings nicht in diesem Kontext, bestätigt wurde).
  • Elser sei in Konstanz bei einem Wanderverein Mitglied gewesen (auch dies eine reine Erfindung).
  • Elser habe bei den Naturfreunden und diesem Wanderverein eine unausgesprochene Übereinstimmung gefunden.

Seither wird dieses Phantasieprodukt eifrig von denen weitererzählt, die Elser zu ihrem Idol gemacht haben.9 Beim ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse hörte sich das am Festabend "100 Jahre Naturfreunde" am 8. Oktober 2005 in München so an:10

Viele Naturfreunde gingen in den Widerstand. Einer der bekanntesten Widerstandskämpfer aus den Reihen der Naturfreunde ist Georg Elser, dessen Attentat auf Hitler nur wegen eines unglücklichen Zufalls scheiterte. Sein Mut zeigt, dass die Mitglieder der Naturfreunde eben immer mehr waren und sind als unpolitische Freunde der Natur. Sie stehen ein für Demokratie und Freiheit, für soziale Gerechtigkeit, für den Schutz der Schwachen und der natürlichen Lebensgrundlagen.


Keinerlei Indizien für Naturfreunde-Mitgliedschaft gefunden

Sämtliche weiteren Recherchen von Lampasiak und Kersten, u.a. auch bei den Naturfreunden in Konstanz, Königsbronn und Heidenheim (die Kreisstadt, zu der Königsbronn gehört), liefen ins Leere.

Sie fanden lediglich mehrere Autoren, die allesamt zeitlich nach der Veröffentlichung von Ortners Biografie in Erscheinung traten und in ihren Publikationen oder Vorträgen entweder dessen Konstanzer-Naturfreunde-Geschichte nacherzählten oder die Naturfreunde-Mitgliedschaft Elsers einfach behaupteten. Doch von wem und wie oft Legenden auch weitererzählt werden: sie werden dadurch nicht zu Tatsachen.


Schlussfolgerung im eklatanten Widerspruch zum eigenen Forschungsergebnis

Wenn Lampasiak und Kersten in ihrer Studie dennoch zu dem Schluss kommen, es könne "als gesichert angesehen werden" dass "Elser auch ein Naturfreund" (gemeint ist offensichtlich: Vereinsmitglied) gewesen sei,11 überrascht das, da sie damit ihre eigenen Forschungsergebnisse dementieren.

Immerhin weichen sie ihre kühne Behauptung noch im selben Satz mit der wesentlich unverbindlicheren These auf, Elser habe zumindest "eine große Nähe zu den Gedanken und Ideen des Touristenvereins 'Die Naturfreunde'" gehabt.

Doch auch das Konstrukt der großen Nähe wäre nur dann vertretbar, wenn die Naturfreunde in der Weimarer Republik, um die es hier geht, typischer Weise die KPD nicht nur gewählt hätten, sondern auch beispielsweise Mitglied in deren Rotfrontkämpferbund gewesen wären.


Erkennt die Gedenkstätte Deutscher Widerstand die Naturfreunde-Legende an?

Der Artikel von Bruno Klaus Lampasiak und Oliver Kersten endet mit folgendem Satz, der anscheinend als ultimatives Gütesiegel für die "Elser-war-Mitglied-bei-den-Konstanzer-Naturfreunden"-Legende dienen soll:12

Auch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand erkennt seit einiger Zeit Elsers Zugehörigkeit zu den Naturfreunden an.23

23     Vortrag von Prof. Dr. Tuchel anlässlich der Eröffnung der Wanderausstellung "'Ich habe den Krieg verhindern wollen.' Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939" am 10. November 2009 in der Berliner Parochialkirche.

Auf der Georg-Elser-Website der Gedenkstätte Deutscher Widerstand steht zwar kein Wort von den Naturfreunden.13 Ebensowenig in der wissenschaftlich fundierten Elser-Biografie, die Johannes Tuchel, Leiter dieser Gedenkstätte, gemeinsam mit Peter Steinbach im Jahr 2008 veröffentlicht hat.14 Inzwischen erhielt der Autor folgende Stellungnahme von Prof. Dr. Johannes Tuchel, dem Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand:15

    
Prof. Tuchel

Prof. Dr. Tuchel

... Ich lege ausdrücklichen Wert darauf, dass ich und Peter Steinbach weder in der Publikation von 2008 noch in der überarbeiteten Neuausgabe von 2010 von einer Mitgliedschaft Elsers bei den Naturfreunden in Konstanz ausgehen. ...

Ich habe auch - ausweislich meines Manuskripts - bei meinem Vortrag in der Parochialkirche am 10. November 2009 keine Mitgliedschaft Elsers behauptet. ...

Herrn Lampasiak werde ich entsprechend selbst noch informieren, dass er in Zukunft derartige Behauptungen unterlässt. ...

Auch eine Kopie des Manuskripts von Tuchels Vortrag am 10. November 2009 in der Parochialkirche16 liegt dem Autor mittlerweile vor. Das Wort "Naturfreunde" taucht dort in der Tat nirgends auf.

Im Gegenteil: Bereits im Jahr 2003 hat Johannes Tuchel in einem Schreiben an Bruno Klaus Lampasiak erklärt, dass die Gedenkstätte Deutscher Widerstand keinerlei Unterlagen über eine Beteiligung von Naturfreundemitgliedern am NS-Widerstand besitzt. "In dem Brief wird ausdrücklich hervorgehoben, dass es sich zumeist um Angehörige sozialdemokratischer oder sozialistischer Parteien gehandelt hat, bei denen die Teilnahme an Aktivitäten der 'Naturfreunde' eher eine sekundäre Rolle spielte."17

Beim Versuch, Georg Elser unbedingt als einen der ihren zu vereinnahmen, wären Lampasiak und Kersten daher gut beraten, nicht ausgerechnet die Gedenkstätte Deutscher Widerstand als Kronzeugen zu benennen.


1     http://de.wikipedia.org/wiki/Naturfreunde am 12.11.2010
2Ebenda
3Peter Koblank: Georg Elser und der Rote Frontkämpferbund in: Online-Edition Mythos Elser
4Gestapo-Protokoll, siehe http://www.georg-elser-arbeitskreis.de/index.php
Faksimilie-Ausgabe: Georg Elser. Sprengstoffanschlag im Bürgerbräukeller in München am 8.11.1939. Vernehmung des Täters., Waging 2009
5Schweizer Ermittlungsbericht, siehe http://www.georg-elser-arbeitskreis.de/index.php
6Helmut Ortner: Der einsame Attentäter: Der Mann, der Hitler töten wollte, Rastatt 1989, S. 104 und S. 128 (in der Auflage von 1999)
7Bruno Klaus Lampasiak, Oliver Kersten: Auch der Hitler-Attentäter Georg Elser war ein Naturfreund!, Berlin 2010, S. 5 f
8Hagiografie ist laut Wikipedia die Darstellung des Lebens von Heiligen. Im übertragenen Sinne bezeichnet der Begriff Hagiografie eine unkritische und euphemistische Biographie, die den Beschriebenen als "Heiligen" im Sinne eines vorbildhaften Menschen ohne Makel darstellt.
9Beispiele: Robert Uli Neu: Johann Georg Elser in Konstanz (der Ortner als Quelle angab), Erhard Jöst: Johann Georg Elser - der deutsche Wilhelm Tell, Oliver Kersten: Der einsame Held Georg Elser in NaturfreundIn 1/2009, Wolfgang Thierse (siehe Fußnote 10)
10Rede des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse zum 100jährigen Jubiläum der Naturfreunde Deutschlands am 8. Oktober 2005 in München
http://www.bundestag.de/bundestag/praesidium/reden/2005/012.html
11Lampasiak/Kersten S. 7
12Lampasiak/Kersten S. 8
13http://www.georg-elser.de/content/dok002.html am 12.11.2010
14Peter Steinbach, Johannes Tuchel: Georg Elser - Der Hitler-Attentäter, Berlin 2008 (Paperback-Ausgabe 2010)
Übrigens steht auch in den anderen zwei der insgesamt vier im Zeitraum von 1989 bis 2010 als Buch erschienenen Elser-Biografien kein Wort von einer Mitgliedschaft Elsers bei den Naturfreunden:
Ulrich Renz: Georg Elser - Ein Meister der Tat, Stuttgart 2009
Hellmut G. Haasis: Den Hitler jag ich in die Luft. Der Attentäter Georg Elser., Hamburg 2009
15E-Mail von Johannes Tuchel an den Georg-Elser-Arbeitskreis Heidenheim vom 30.11.2010
16Johannes Tuchel: Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939 - Realität und Wahrnehmung, Festvortrag auf der Gedenkveranstaltung für Georg Elser am 10. November 2009 in der Berliner Parochialkirche, E-Mail-Dateianhang (siehe Fußnote 4)
17Lampasiak/Kersten S. 5

Ende der 1970-er Jahr galt Elser noch nicht als Naturfreunde-Mitglied

VON KONRAD PFLUG (2016)

Die Außenstelle Nordwürttemberg der Landeszentrale für politische Bildung führte von Anfang an bis mindestens in die späten Siebziger jeweils einmal im Jahr mit der Nachfolgeorganistion des Holzarbeiterverbands ein Seminar durch. Vermutlich war es innerhalb einer DGB-Gewerkschaft. Ich weiß es leider nicht mehr genau, da ich nur am Rande beteiligt war.

Verantwortlich zeichnete der Leiter der Außenstelle, Hans-Joachim Mann. Dieser war Naturfreundemitglied, vor seinem Tod 2004 sogar einige Jahre Landesvorsitzender. Also kann man davon ausgehen, dass er eventuelle Zusammenhänge zwischen Georg Elser und den Naturfreunden hätte kennen müssen und sie gegebenenfalls sicher gewürdigt hätte.

Ende der Siebziger arbeitete ich als Assistent unmittelbar mit ihm zusammen. Bei der Vorbereitung eines der Seminare erklärte er mir, dass diese Veranstaltung sehr wichtig sei, weil der Holzarbeiterverband damit die Tradition und das Andenken an sein früheres Mitglied Georg Elser wahren wolle. Eben indem man sich politisch weiterbilde.

Von einer Mitgliedschaft Elsers bei den Naturfreunden sprach er nie. Auch nicht im Fall einer Diskussion mit Auszubildenden – das war mein Segment – im Naturfreundehaus Herrenberg (ca. 1978) über drei dortige Naturfreunde, die Opfer des NS-Regimes geworden waren.

Dieser Artikel ist Teil der Online-Edition Mythos Elser.