AD PERPETUAM MEMORIAM EXPLORATORIS SIGISMUND PAYNE BEST

Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol

Dramatische Odyssee vom KZ Dachau in die "Alpenfestung"

Kurz vor Kriegsende wurden über 130 prominente Häftlinge, unter ihnen Martin Niemöller, Angehörige der Familien Goerdeler und Stauffenberg, Philipp Prinz von Hessen, Hjalmar Schacht, Fritz Thyssen, ausländische Staatsoberhäupter und Offiziere, von der SS als Geiseln in die "Alpenfestung" transportiert, wo sie in den Dolomiten um Haaresbreite dem Tod entgingen.


VON PETER KOBLANK (2006)

Chronik
Dokumente
Liste der befreiten Häftlinge
Literatur
Film
Einzelnachweise

Chronik

Sigismund Payne Best

Sigismund Payne Best (1885-1978)

Dies ist die Chronik der weltgeschichtlichen Ereignisse, die sich damals innerhalb von dreieinhalb Wochen abspielten.

Dienstag, 17. April 1945
Dienstag, 24. April 1945
Donnerstag, 26. April 1945

Als die amerikanischen Truppen im April 1945 immer näher rückten, wurden die Sonder- und Sippenhäftlinge, die man teilweise erst kurz zuvor aus anderen Lagern in das KZ Dachau verlegt hatte, in drei Schüben am 17. April, am 24. April und am 26. April von Dachau zunächst in das zweihundert Kilometer entfernte Lager Reichenau bei Innsbruck abtransportiert.

Es ist nicht bewiesen, aber mit größter Sicherheit anzunehmen, dass man die prominenten Geiseln in der "Alpenfestung", dem allerletzten Rückzugsgebiet, als Verhandlungsmasse gegenüber den Alliierten verwenden wollte.

Freitag, 27. April 1945

SS-Untersturmführer Bader

Dieser Mann war Mitglied eines Exekutionstrupps der Gestapo und verbrachte sein Leben damit, von einem KZ zum anderen zu reisen, wie ein Schädlingsbekämpfer bei der Vertilgung von Ratten. Wir erkannten alle, dass die Tatsache, dass ein solcher Mann ausgewählt worden war, uns zu bewachen, nicht besonders Gutes verhieß.

Sigismund Payne Best

Ein echter Proto- und Plakattyp seiner Gattung: schlank stand er auf geraden, langen Beinen, mit schmalen Hüften und breiten Schultern. Sein Gesicht war dunkelbraun gebrannt mit einem mächtigen Kinn, zwei scharfe Falten um den geraden Mund. Der Ausdruck seines Gesichtes war nicht angenehm: die Sturheit, die in ihm lag, das spürte man, konnte tödlich sein.

Isa Vermehren

Er war bekannt als Führer von Spezialkommandos zur Liquidierung unerwünschter Häftlinge.

Josef Müller

Obwohl er einen niedrigeren Rang als Stiller hatte, war er mit mehr Autorität ausgestattet. In SS-Begrifflichkeit hieß dies, dass er ein professioneller Killer war, der Liquidationsbefehle ohne Fragen ausführte.

Bertram Arthur "Jimmy" James

Er sagte mir, er habe den Auftrag, die Häftlinge nach Pragser Wildsee zu bringen. Auf weiteres Befragen gab er zu, dass sein Auftrag erledigt sei, "wenn die Gefangenen gestorben seien."

Wichard von Alvensleben

Nächtliches Gespräch

"Nun, Fritz", sagte ich, "wir haben gerade eben Brüderschaft getrunken, sicherlich haben Sie nicht vor, mitzumachen, wenn ich umgebracht werde."

"Ja, Herr Best - aber was kann ich tun? Sie alle werden morgen in ein Hotel in die Berge gebracht, das in Brand gesteckt wird, nachdem Sie alle erschossen worden sind. Ich mag das überhaupt nicht. Ich weiß, wie das ist, wenn man Leute mit diesen Maschinenpistolen erschießt, die Hälfte ist nicht richtig tot - die Kugeln sind zu klein und Du kannst nicht richtig zielen - daher werden eine Menge Leute nicht tot sein, wenn wir das Gebäude in Brand setzen."

Er dachte eine Weile gründlich nach und fuhr fort: "Herr Best, Sie sind mein Freund. Ich sage Ihnen jetzt, was wir tun werden. Ich werde Ihnen ein Zeichen geben, bevor man zu schießen anfängt, und Sie kommen und stellen sich in meine Nähe, sodass ich Ihnen einen Genickschuss geben kann. Das ist die beste Art zu sterben, Sie werden nichts davon mitbekommen. Ich bin ein Fachmann und schieße nie daneben."

Sigismund Paine Best

Bogislav von Bonin, Sigismund Paine Best (Mai 1945), Wichard von Alvensleben (um 1960). Bilder: Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee, Wikipedia.

Am Abend wurde die dramatische Odyssee, die über den Brenner in die Südtiroler Dolomiten und schließlich bis nach Neapel und Capri führen sollte, von Innsbruck aus mit Bussen und Lastwagen fortgesetzt.

Der Gefangenentransport wurde von SS-Obersturmführer Edgar Stiller geleitet. Die rund fünfzig Begleiter waren SS-Männer, die den Auftrag hatten, die Gefangenen im Zweifelsfall zu liquidieren.

Rund dreißig Mann waren SS-Wachleute aus Dachau, die übrigen gehörten zu einem SD-Kommando unter SS-Untersturmführer Bader.1

Samstag, 28. April 1945

Am Morgen des 28. April trafen die Gefangenen in dem hundertdreißig Kilometer von Innsbruck entfernten Niederdorf (ital.: Villabassa) im Pustertal ein. Die Südtiroler Bevölkerung kam ihnen mit Sympathie und Hilfe entgegen.

Die Häftlinge wurden teils in Gasthöfen und im Pfarrhof, teils auf rasch aufgeschüttetem Stroh im Gemeindeamt einquartiert.

Den Äußerungen einiger SS-Männer war jedoch unmissverständlich zu entnehmen, dass die Erschießung einiger oder gar aller Häftlinge drohte.

Sonntag, 29. April 1945

In Caserta kapitulierten an diesem Tag die deutschen Streitkräfte in Norditalien, neun Tage vor Kriegsende.

Am Vormittag telefonierte einer der Sonderhäftlinge, Oberst Bogislav von Bonin, heimlich mit dem Oberkommando der Heeresgruppe C im hundert Kilometer entfernten Bozen und bat die Wehrmacht um Hilfe.

Nach einem Gottesdienst in der Niederdorfer Pfarrkirche erklärte SS-Obersturmführer Edgar Stiller bei einer Versammlung im Hotel Bachmann, die Kontrolle an ein in Niederdorf gegründetes Häftlingskomitee unter Leitung des britischen Geheimdienstagenten Sigismund Payne Best und die durch Bonin alarmierte Wehrmacht abgeben zu wollen.

Doch die Gefahr, die von SS-Untersturmführer Bader und seinem SD-Trupp ausging, war damit noch keinesfalls gebannt.

Als Reaktion auf Bonins Telefonat kam Hauptmann Wichard von Alvensleben spätabends aus dem siebzehn Kilometer entfernten Moos bei Sexten nach Niederdorf, um sich unauffällig ein Bild der Lage zu verschaffen.

Montag, 30. April 1945

Am 30. April beging Adolf Hitler, der "niemals kapitulieren" wollte, in der Reichskanzlei Selbstmord.

Am Vormittag kam Alvensleben wieder, zunächst mit einem Stoßtrupp von nur fünfzehn Unteroffizieren der Wehrmacht aus Moos.

Nachdem eine Verstärkung mit hundertfünfzig Grenadieren aus dem fünf Kilometer entfernten Toblach eingetroffen war und den Platz vor dem Gemeindeamt umstellt hatte, konnte Hauptmann von Alvensleben mit telefonischer Rückendeckung von SS-Obergruppenführer Karl Wolff die SS-Männer dazu bewegen, aufzugeben und Richtung Bozen abzuziehen.2 3 4

Noch am selben Tag wurden die Menschen, die nun endlich - viele von ihnen nach langen Jahren der Gefangenschaft - ihre Freiheit wieder zurückerlangt hatten, bei starkem Schneefall in das neun Kilometer entfernte Hotel "Pragser Wildsee" (ital.: Lago di Braies), ein normalerweise zu dieser Jahreszeit geschlossenes Luxushotel am schönsten Bergsee der Südtiroler Dolomiten in 1496 Meter Höhe gebracht.

Für den Schutz der Ex-Häftlinge waren achtzig Grenadiere aus Toblach verantwortlich. Sie waren Hauptmann Gebhard von Alvensleben unterstellt, einem Cousin von Wichard von Alvensleben, der hier zufällig gerade auf der Durchreise war.

Dieser Schutz richtete sich nicht zuletzt gegen italienische Partisanen, denen sich jetzt die italienischen Sonderhäftlinge und am 3. Mai auch der Russe Kokorin anschlossen. Die Partisanen, die nach der deutschen Kapitulation versuchten, das Land unter Kontrolle zu bekommen, hatten die Absicht, die prominenten Gefangenen in ihr Hauptquartier im vierzig Kilometer südlich gelegenen Cortina d'Ampezzo abzutransportieren.

Eine weitere Gefahr drohte seitens der Geheimen Staatspolizei in Klagenfurt, die die prominenten Häftlinge noch nicht aufgeben wollte. Von dort soll Hans Philipp, der Gestapo-Chef von Sillian, einem kleinen Ort zwanzig Kilometer östlich von Niederdorf, am 1. Mai den schriftlichen Befehl erhalten haben, die Häftlinge zu liquidieren. Philipp nahm sich daraufhin mit Schlaftabletten das Leben.

Mittwoch, 2. Mai 1945

Die Kapitulation der deutschen Truppen in Italien trat am 2. Mai offiziell in Kraft, sechs Tage vor der deutschen Gesamtkapitulation. Am Rande der dramatischen Ereignisse fiel Sigismund Payne Best am 2. oder 3. Mai eines der wichtigsten Dokumente der Georg-Elser-Forschung in die Hände: Der Schnellbrief, in dem Gestapo-Chef Heinrich Müller die heimliche Liquidierung des Hitler-Attentäters Georg Elser anordnete.5

Freitag, 4. Mai 1945

Zwei Tage nach der deutschen Teilkapitulation trafen rund 170 amerikanische Soldaten eines Infanterieregiments der 85. Division der Fünften US-Armee unter dem Kommando von Captain John Atwell am Pragser Wildsee ein. Die deutschen Wehrmachtsangehörigen wurden entwaffnet und zusammen mit den beiden Hauptleuten von Alvensleben in ein Kriegsgefangenenlager abtransportiert.

Samstag, 5. Mai 1945

Im Schlepptau der US-Armee erschienen am 5. Mai zahlreiche Journalisten und Pressefotografen. Schon bald gingen die Schlagzeilen über die sensationellen Ereignisse in Südtirol um die Welt.

Für alle war es eine Befreiung und ich glaube, dass es niemand bewusst war, dass dies für viele die Schwelle zu einer neuen und mühselig langen Gefangenschaft sein sollte.

Sigismund Paine Best

An diesem Tag entstand das bis heute immer wieder kolportierte Märchen von der Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge durch amerikanische Truppen, obwohl die Gefangenen in Wirklichkeit bereits am 30. April ihre Freiheit wiedererlangt hatten, als ihre SS-Bewacher unter dem Druck der Wehrmacht unter Hauptmann Alvensleben aufgaben.

Ganz im Gegenteil: die Ankunft der Amerikaner mündete für einige der Ex-Häftlinge in eine erneute Gefangenschaft, diesmal bei den Alliierten.

Dienstag, 8. Mai 1945
Donnerstag, 10. Mai 1945

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg auf Grund der deutschen Kapitulation endgültig zu Ende.

An diesem Dienstag sowie am darauffolgenden Donnerstag wurden die ehemaligen Sonder- und Sippenhäftlinge von den Amerikanern in zwei Gruppen vom Pragser Wildsee in das zweihundertfünfzig Kilometer entfernte Verona transportiert und von dort aus mit Militärmaschinen siebenhundert Kilometer weit nach Neapel geflogen.

In Neapel wurden sie nach Nationalitäten getrennt. Deutsche, die durch ihre Rolle im Dritten Reich belastet erschienen, beispielsweise General Alexander von Falkenhausen, Generaloberst Franz Halder, Oberst Bogislav von Bonin, Prinz Philipp von Hessen, Hjalmar Schacht, General Georg Thomas oder Fritz Thyssen, wurden interniert, in manchen Fällen mehrere Jahre lang. Hjalmar Schacht wurde sogar von den Alliierten in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher angeklagt, aber im Herbst 1946 freigesprochen.

Die unbelasteten Deutschen kamen nach Anacapri auf der Insel Capri, wo sie im Hotel "Eden Paradiso" untergebracht wurden. Von dort aus kehrten sie einige Wochen später wohlbehalten nach Deutschland zurück.

Sigismund Payne Best hat dieses Geschehen 1950 in seinen Memoiren6 aus erster Hand beschrieben und mit einem Verzeichnis der Sonder- und Sippenhäftlinge ergänzt, das hier in aufbereiteter Form abgedruckt ist. Zum 60. Jahrestag hat Hans-Günter Richardi das Schicksal der SS-Geiseln und die Ereignisse in Niederdorf gründlich aufgearbeitet.7

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Dokumente

Niederdorf

Niederdorf im Pustertal, im Hintergrund links die Haunoldgruppe (2966 m). Bild: suedtirol-tirol.com.

Hotel Bachmann

Im Hotel "Bachmann" in Niederdorf erklärte sich SS-Obersturmführer Edgar Stiller am 29. April 1945 bei einer Versammlung der Häftlinge bereit, das Kommando für den Transport niederzulegen und an die bereits alarmierte Wehrmacht abzugeben. Bild: Archiv Hermann Oberhofer (Prags).

Alvensleben 10.11.1945

Auszug aus einem Bericht von Wichard von Alvensleben vom 10. November 1945, der 2004 im Nachlass von Fabian von Schlabrendorff entdeckt wurde. Aus diesem Bericht stammt auch das obige Zitat. Bild: Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee.

Gemeindeamt, Alvensleven

Links: Im Gemeindeamt von Niederdorf verbrannte SS-Obersturmführer Edgar Stiller Geheimakten, die er aus Dachau mit sich geführt hat. Nur wenige Dokumente, darunter ein Schnellbrief vom 5. April 1945 aus Berlin, in dem u.a. die Ermordung Georg Elsers befohlen worden war, entgingen der Vernichtung. Bild: Archiv Hermann Oberhofer (Prags)  –  Rechts: Hauptmann Wichard von Alvensleben war Rechtsritter des Johanniterordens und ein tiefgläubiger Christ. Den 2. Weltkrieg machte er als Offizier vom ersten bis zum letzten Tag mit: In Polen, Frankreich, Russland, Afrika und zum Schluss in Italien. In Russland wurde er 1941 schwer verwundet und erhielt das Verwundetenabzeichen, das Infanterie-Sturmabzeichen und das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Seine Ehefrau Cora erschoss sich beim Eindringen der Russen am 29. Januar 1945 in Tankow. Das Schloss wurde geplündert und niedergebrannt, der Besitz enteignet, das Land fiel an Polen. Im Herbst 1945 wurde von Alvensleben aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen. Bild: Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee.

Allen Welsh Dulles (1893-1969) war während des Zweiten Weltkrieges für den nach Kriegseintritt der USA gegründeten US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) in Bern stationiert. Von 1953 bis 1961 war er Direktor der CIA.

Während unseres Aufenthaltes bat General Lemnitzer Gaevernitz, nach Capri zu fahren. Dort war gerade eine Gruppe von etwa hundertfünfzig ehemaligen Häftlingen verschiedener deutscher Konzentrationslager eingetroffen, die von den Alliierten bis zur Klärung ihres künftigen Schicksals auf der Insel untergebracht worden waren. Sie hatten einer noch größeren Gruppe von Gefangenen verschiedener Nationalitäten angehört, die von der höchsten SS-Führung festgehalten worden war, wahrscheinlich in der absurden Hoffnung, sich durch ihre Freilassung in letzter Minute Straffreiheit zu erkaufen. Aus den verschiedensten Konzentrationslagern in Deutschland und Österreich waren sie zusammengeschleppt und über die Alpen nach Niederdorf bei Toblach (Dobbiaco) gebracht worden. Es handelte sich insgesamt um fast zweihundert Häftlinge, unter ihnen auch viele bekannte Nicht-Deutsche, die sich zum Teil seit Kriegsbeginn in den Händen der Nationalsozialisten befunden hatten. Auf Capri lernte Gaevernitz ihre Einzelschicksale kennen und erfuhr, wie knapp sie dem Tode entronnen waren.

Wolff und Röttiger hatten von diesem Gefangenentransport bereits vor der Kapitulation erfahren, da es einem Häftling, Oberst Bogislaw von Bonin, gelungen war, sich der SS-Bewachung lange genug zu entziehen, um zu einem Telefon zu gelangen und das Bozener Hauptquartier der deutschen Heeresgruppe anzurufen. Es war ihm geglückt, mit Röttiger, einem Bekannten aus früherer Zeit, in Verbindung zu treten. Daraufhin beauftragte Röttiger den Kommandanten seines Hauptquartiers, Hauptmann Wichard von Alvensleben, die Lage in Niederdorf zu erkunden. Aus eigener Initiative beorderte Alvensleben noch in der gleichen Nacht die Bewaffnung eines Eingreifkommandos der Wehrmacht, das aus 8 ausgesucht tapferen, kampferprobten Unteroffizieren bestand. Alvensleben selbst fuhr im Morgengrauen des 29. April nach Niederdorf und suchte dort den ersten SS-Offizier auf, der die SS-Begleitmannschaft des Gefangenentransports kommandierte. Auf Befragen nach dem Zweck seines Auftrags erklärte dieser schlicht: "Mein Auftrag ist erst dann erledigt, wenn die Gefangenen tot sind."

Auf Alvenslebens Befehl riegelte kurz darauf das Eingreifkommando der Wehrmacht den Marktplatz ab und trieb die im Dorf verstreuten 86 Mann der SS-Bewachungseinheit im Rathaus zusammen. Zwei SS-Offiziere versuchten einen Ausbruch, der von dem Eingreifkommando der Wehrmacht verhindert wurde. Daraufhin drohte die SS wutentbrannt, sie werde jetzt ihrerseits von der Waffe Gebrauch machen. Alvensleben beorderte nunmehr eiligst eine etwa 100 Mann starke motorisierte Wehrmachtskompanie aus Toblach herbei, die glücklicherweise schnell eintraf und damit die Lage zugunsten der Wehrmacht entschied und so das Leben der bedrohten Häftlinge rettete.

Nach fernmündlichem Einverständnis mit General Wolff setzt Alvensleben nunmehr die SS in ihren eigenen Fahrzeugen Richtung Bozen in Marsch. Anschließend ordnete er die Übersiedlung der befreiten Häftlinge nach dem Hotel Pragser Wildsee an. Bei ihrer dortigen Betreuung half ihm sein Vetter Hauptmann Gebhard von Alvensleben, der ihre Unterbringung und Verpflegung hervorragend organisierte, bis sie wenige Tage später von alliierten Truppen übernommen und auf die Insel Capri gebracht wurden.

Allen Welsh Dulles / Gero von Schulze-Gaevernitz: Unternehmen "Sunrise". Die geheime Geschichte des Kriegsendes in Italien. Düsseldorf/Wien 1967, S. 294-296.

Hotel "Pragser Wildsee" im Jahr 2012. Anders als heute war das Hotel früher ausschließlich auf die Sommersaison ausgerichtet und Anfang Mai normalerweise noch geschlossen. Hier wurden die inzwischen befreiten Häftlinge vom 30. April bis zum 10. Mai 1945 zwar improvisiert, aber doch verhältnismäßig komfortabel untergebracht. Bild: Koblank.

Zimmerkarten der befreiten Häftlinge

Zimmerkarten ehemaliger Häftlinge mit Unterschrift und Zimmernummer im Hotel "Pragser Wildsee". Sie werden heute noch dort aufbewahrt.  –  Von oben nach unten und links nach rechts: Gräfin Elisabeth Schenk von Stauffenberg, Hjalmar Schacht , Fritz Thyssen, Sigismund Payne Best, Bogislav von Bonin, Kurt von Schuschnigg, Gabriel Piguet, Johann Neuhäusler, Karl Kunkel. Bild: Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee.

Blick auf den Pragser Wildsee mit dem Seekofel (2810 m) rechts im Hintergrund vom Zimmer Nr. 215 aus, in dem Sigismund Payne Best untergebracht war. Anders als auf diesem Foto vom Sommer 2012 lag Anfang Mai 1945 noch Schnee. Bild: Koblank. Best beschreibt diesen Blick auf S. 239 f:

"Als ich das erste Mal in mein Zimmer ging und aus dem Fenster sah, nahm mir die Schönheit des Ausblicks beinahe den Atem. Ich sah unter mir einen See aus reinem Smaragd, völlig umgeben von Nadelbäumen, die unterhalb von zackigen Berggipfeln wuchsen, die uns vor dem Rest der Welt abzuschotten schienen. Keine einzige Welle bewegte sich auf der Oberfläche des Wassers und die unbeschreibliche Stille der Berge, eine Stille, die man zu hören schien, erfüllte die reine kalte Luft. Ich ging auf den Balkon hinaus, und konnte mich trotz der Kälte lange nicht von der Anmut vor mir wegreißen – fünfeinhalb Jahre waren mir die Schönheiten der Welt vorenthalten gewesen, und für mich ist Landschaft das Einzige, das mich niemals ermüdet und auch, wenn vertraut, immer seinen unverminderten Reiz behält."

Vor der Weltpresse am 5.5.1945

Die befreiten Häftlinge stellen sich am 5. Mai 1945 vor dem Hotel "Pragser Wildsee" den Fotografen der Weltpresse. Martin Niemöller (mit Pfeife und der 4-jährigen Tochter der Schuschniggs auf dem Arm), rechts davon ihre Mutter Vera Schuschnigg (helle Jacke). Bild: Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee.

Vor der Weltpresse am 5.5.1945

Sigismund Payne Best am 5. Mai 1945 vor dem Hotel "Pragser Wildsee" direkt hinter der Tochter der Schuschniggs Bild: Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee.

Hotel Eden Paradiso

In diesem Hotel in Capri wurden diejenigen ehemaligen deutschen Sonder- und Sippenhäftlinge, die von den Amerikanern nicht als Gefangene interniert wurden, vor ihrer Heimreise untergebracht. Das Hotel "Eden Paradiso" in der Via Guiseppe Orlandi 98 in Anacapri gibt es heute nicht mehr. Die beiden Ansichtskarten entstanden Ende der 1950er Jahre.

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Liste der in Niederdorf befreiten Sonder- und Sippenhäftlinge8

1. Sonderhäftlinge aus sechzehn Nationen 9

Dänemark (6)

  • Hansen, Hans Frederik - Marineingenieur
  • Larsen, Adolf T. - Landwirt
  • Lunding, Hans - Rittmeister, Chef des dänischen Nachrichtendienstes, seit August 1943 in Haft
  • Mikkelsen, Max J. - Kapitän der Handelsmarine
  • Mogensen, Jörgen Lönborg Friis - Vizekonsul im Generalkonsulat Danzig
  • Pedersen, Knud E. - Kapitän der Handelsmarine

Deutschland (26)

  • Bonin, Bogislav von - Oberst, Generalstabsoffizier, der einen Führerbefehl verweigerte, seit Januar 1945 in Haft
  • Cerrini, Fritz von - Baron, Privatsekretär von Friedrich Leopold Prinz von Preußen 10
  • Engelke, Friedrich - Beamter im Reichswirtschaftsministerium [fehlt bei Best (S. 259), war aber laut Richardi (2005 S. 98 u. 295) unter den Gefangenen]
  • Falkenhausen, Alexander von - Chef der Militärverwaltung im besetzten Belgien, Widerstandskämpfer, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Flügge, Wilhelm von - Mitglied eines Widerstandskreises in Istanbul, seit April 1944 in Haft
  • Halder, Franz - Früherer Chef des Generalstabes des Heeres, seit Juli 1944 in Haft
  • Halder, Gertrud geb. Erl - Ehefrau von Franz Halder, nach dem 20. Juli 1944 in Haft [bei Best (S. 259) nicht ganz zu Unrecht bei den Sippenhäftlingen aufgelistet]
  • Hamm, Anton - Kaplan aus Breining bei Aachen, als Divisionspfarrer wegen Wehrkraftzersetzung aus der Wehrmacht entlassen
  • Heberlein, Erich - Botschaftsrat in Madrid, seit Juni 1944 in Haft 11
  • Heberlein, Margot geb. Calleja - Ehefrau von Erich Heberlein, seit Juni 1944 in Haft
  • Hessen, Philipp Prinz von - Ehemann der im August 1944 im KZ Buchenwald nach einem amerikanischen Bombenangriff umgekommenen Mafalda von Savoyen, einer Tochter des Königs Viktor Emanuel III. von Italien, seit August 1943 in Haft
  • Hoepner, Horst - Kaufmann, Bruder von Erich Hoepner, ebenfalls an der Verschwörung beteiligt, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
    Von Dachau bis Capri
  • Kunkel, Karl - Kaplan in Königsberg, wegen Kontakten zu Regimegegnern im Ausland verdächtigt, seit Juli 1944 in Haft
  • Liedig, Franz - Marineoffizier, seit September 1944 in Haft
  • Müller, Josef - Politiker, seit 1943 in Haft 6
  • Neuhäusler, Johann - Domkapitular in München, seit Februar 1941 in Haft
  • Niemöller, Martin - Theologe, seit 1937 in Haft (am längsten von allen in Niederdorf befreiten Häftlingen)
  • Nowakowski, Heidel 12
  • Petersdorff, Horst von - Oberst, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Preußen, Friedrich Leopold Prinz von - Gutsbesitzer, Sohn von Friedrich Leopold von Preußen und Neffe vom letzten deutschen Kaiser Wilhelm II., seit Mai 1944 in Haft 10
  • Pünder, Hermann - Politiker, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Schacht, Hjalmar - Früherer Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister, seit Juli 1944 in Haft
  • Schlabrendorff, Fabian von - Offizier, nach dem 20. Juli 1944 in Haft 6
  • Thomas, Georg - General, seit Oktober 1944 in Haft
  • Thyssen, Amélie - Ehefrau von Fritz Thyssen, seit Ende 1940 in Haft
  • Thyssen, Fritz - Großindustrieller, seit Ende 1940 in Haft

Frankreich (7)

  • Blum, Jeanne Léon geb. Levylier - Dritte Ehefrau und Großcousine von Léon Blum, der sie 1943 im KZ Buchenwald geheiratet hat, um sie als Jüdin vor der Deportation in ein Vernichtungslager zu bewahren
  • Blum, Léon - Früherer Ministerpräsident, seit April 1943 in Haft
  • Bourbon, Prince Xavier de - Bruder der Kaiserin Zita, der sich dem französischen Widerstand angeschlossen hatte, seit Juli 1944 in Haft
  • Joos, Joseph - Politiker (Zentrumspartei), gebürtiger Elsässer, seit 1938 ohne deutsche Staatsangehörigkeit und als französischer Gefangener geführt, seit August 1940 in Haft [bei Richardi (2005 S. 284) als Deutscher aufgelistet]
  • Mottet, Armand - Sozialistischer Gewerkschaftsführer aus Raismes, in Lille wegen Spionage und Beteiligung am Widerstand zum Tode verurteilt, seit Februar 1944 in Haft [bei Best (S. 258) irrtümlich als Schweizer aufgelistet]
  • Piguet, Gabriel - Bischof von Clermont-Ferrand, seit Mai 1944 in Haft
  • Wymeersch, Ray N. van - Flight Lieutenant (Hauptmann) der Royal Airforce, Überlebender des Great Escape 13

Griechenland (7)

  • Bakopoulos, Constantin - Generalleutnant im Generalstab, seit Juli 1943 in Haft
  • Dédés, Panajotis - Generalleutnant im Generalstab, seit Juli 1943 in Haft
  • Dimitrion, Vassilis - Soldat, seit Juli 1943 in Haft
  • Grivas, Nikolaos - Korporal, seit Juli 1943 in Haft
  • Kosmas, Georges - Generalleutnant im Generalstab, seit Juli 1943 in Haft
  • Papagos, Alexandros - Oberbefehlshaber des griechischen Heeres, seit Juli 1943 in Haft
  • Pitsikas, Joan - Generalleutnant im Generalstab, seit Juli 1943 in Haft

Großbritannien (14)

  • Best, Sigismund Payne - Agent des britischen Geheimdienstes (Organisation Z) in Den Haag, seit November 1939 in Haft
  • Churchill, "Jack" - Lieutenant Colonel (Oberstleutnant), angeblich entfernter Verwandter von Winston Churchill, seit Juni 1944 in Haft
  • Churchill, Peter - Captain (Hauptmann), Special Operations Excutive (SOE), seit Mai 1943 in Haft
  • Cushing, Thomas J. - Staff Sergeant (Feldwebel), Ire, seit 1940 in Haft 14
  • Day, Harry M. A. - Wing Commander (Oberstleutnant) der Royal Airforce, Überlebender des Great Escape,13 seit Oktober 1939 in Haft
  • Dowse, Sydney H. - Flight Lieutenant (Hauptmann) der Royal Airforce, Überlebender des Great Escape,13 seit August 1941 in Haft
  • Falconer, Hugh M. - Offizier, als Funkexperte bei einer Geheimmission in Tunesien in Gefangenschaft geraten, seit 1943 in Haft
  • Greenewich, Wadim - Mitarbeiter des britischen Geheimdiensts (Passport Control Office) in Sofia (Bulgarien), seit 1940 in Haft
  • James, Bertram Arthur "Jimmy" - Pilot Officer (Leutnant) der Royal Airforce, Überlebender des Great Escape,13 seit Juni 1940 in Haft 6
  • McGrath, John - Lieutenant Colonel, Ire, seit Juni 1940 in Haft 14
  • O'Brien, Patrick - Private (einfacher Soldat), Ire, seit 1940 in Haft 14
  • Spence, John - Soldat
  • Stevens, Richard Henry - Major beim britischen Geheimdienst (Passport Control Office) in Den Haag, seit November 1939 in Haft
  • Walsh, Andrew - Corporal (Gefreiter), Ire, seit 1940 in Haft 14

Italien (7) (5) 15

  • Amechi - Civil Servant (dt: Beamter), Ordonanz 15
  • Apollonio, Eugenio - Vice-Capo della Polizia (stellvertretender Polizeichef) unter Mussolini in der Repubblica Sociale Italiana (RSI) in Salò, seit Februar 1944 in Haft [fehlt bei Best (S.258), war aber laut Richardi (2005 S. 299 u. 308) unter den Gefangenen]
  • Badoglio, Mario - Sohn von Pietro Badoglio, seit September 1944 in Haft [fehlt bei Best (S.258), war aber laut Richardi (2005 S. 243 u. 308) unter den Gefangenen]
  • Burtoli - Civil Servant (dt: Beamter), Ordonanz 15
  • Ferrero, Davide - Colonello (Oberst)
  • Garibaldi, Sante - Generale (General), seit Juni 1943 in Haft
  • Tamburini, Tullio - Capo della Polizia (Polizeichef) unter Mussolini in der Repubblica Sociale Italiana (RSI) in Salò, seit Februar 1944 in Haft [fehlt bei Best (S.258), war aber laut Richardi (2005 S. 299 u. 308) unter den Gefangenen]

Jugoslawien (3)

  • Dragic, Hinko - Oberstleutnant
  • Popovic, Novak D. - Generalpostmeister
  • Tomalevsky, Dimitrije - Journalist

Lettland (1)

Niederlande (1)

  • Dijk, Johannes J. C. van - Verteidigungsminister, seit April 1943 in Haft

Norwegen (1)

  • Daehli, Arne Simenson - Kapitän zur See der norwegischen Seestreitkräfte, Chefinspektor des norwegischen Walfangs, wegen Spionage zum Tode verurteilt, seit 1942 in Haft

Österreich (5)

  • Praxmarer, Konrad - Schriftsteller aus Wels, Schriften in der Deutschen Nationalbibliothek
  • Schmitz, Richard - Bürgermeister von Wien, seit April 1938 in Haft
  • Schuschnigg, Kurt von - ehemaliger Bundeskanzler von Österreich, seit Mai 1938 in Haft 6
  • Schuschnigg, Maria Dolores Elisabeth von ("Sissy") - Am 23.3.1941 geborene Tochter von Vera und Kurt von Schuschnigg [wurde wie ihre Mutter Vera offiziell nicht als Gefangene geführt]
  • Schuschnigg, Vera von - Ehefrau von Kurt von Schuschnigg [war seit Dezember 1941 zusammen mit der gemeinsamen Tochter freiwillig bei ihrem Mann in KZ-Haft und wurde daher offiziell nicht als Gefangene geführt]

Polen (3)

  • Izycki, Jan - Als Pilot der britischen Royal Airforce in Gefangenschaft geraten
  • Jensen, Stanislaw - Als Pilot der britischen Royal Airforce in Gefangenschaft geraten
  • Zamoyski, Graf Aleksander - Major, Gutsbesitzer

Schweden (1)

  • Edquist, Carl S. - Direktor

Sowjetunion (6)

  • Bessonow, Iwan Georgijewitsch - General, seit 1941 in Haft
  • Brodnikow, Wiktor - Oberstleutnant
  • Ceredilin, Fjodor - Soldat
  • Kokorin, Wassilij Wassiljewitsch - Leutnant der sowjetischen Luftwaffe, Neffe von Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow, seit April 1942 in Haft
  • Priwalow, Pjotr - Generalmajor
  • Rutschenko, Nikolaj - Oberleutnant, der hinter den deutschen Linien abgesprungen und festgenommen worden war

Tschechoslowakei (4)

  • Burda, Josef - Kaufmann
  • Karvaš, Imrich - Wirtschaftswissenschaftler, seit September 1944 in Haft
  • Rozsevac-Rys, Josef - Journalist, seit Ende 1942 in Haft
  • Stanek, Jan - Major im Generalstab

Ungarn (10)

  • Ginzery, Aleksander von - Oberst der Artillerie
  • Hatz, Josef - Major
  • Hatz, Samuel - Schulleiter in Ruhe, Vater von Josef Hatz
  • Hlatky, Andreas von - Staatssekretär im Ministerpräsidium
  • Horthy, Miklós von (jr.) - Politiker, Sohn von Miklós Horthy, seit Oktober 1944 in Haft
  • Igmándy-Hegyessy, Géza von - Generalleutnant a. D., Mitglied des Oberhauses
  • Kállay, Nikolas von - Ministerpräsident, seit November 1944 in Haft
  • Király, Julius - Oberst der Gendarmerie, Sektionschef im Innenministerium
  • Ónody, Desiderius von - Staatsbeamter, Sekretär von Horthy jr.
  • Schell, Péter Baron - Innenminister, seit Oktober 1944 in Haft

2. Sippenhäftlinge aus Deutschland (37) 16

  • Gisevius, Annelise - Lehrerin, Schwester von Hans-Bernd Gisevius, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Goerdeler, Anneliese geb. Ulrich - Ehefrau von Carl Goerdeler, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Goerdeler, Benigna - Tochter von Anneliese und Carl Goerdeler, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Goerdeler, Gustav - Chefarzt, Bruder von Carl Goerdeler, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Goerdeler, Irma geb. Reuter - Ehefrau von Ulrich Goerdeler und Schwiegertochter von Anneliese und Carl Goerdeler, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Goerdeler, Jutta - Cousine von Benigna Goerdeler, einer Tochter von Carl Goerdeler, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Goerdeler, Marianne - Tochter von Anneliese und Carl Goerdeler, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Goerdeler, Ulrich - Rechtsanwalt, Sohn von Anneliese und Carl Goerdeler, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Gudzent Käte geb. Gohlke - Ehefrau von Leutnant Gerd Gudzent, Mitglied beim Nationalkomitee Freies Deutschland
  • Hammerstein, Hildur Freiin von - Tochter von Maria und Kurt von Hammerstein-Equord, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Hammerstein-Equord, Maria Freifrau von geb. Freiin von Lüttwitz - Ehefrau von Kurt von Hammerstein-Equord, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Hassel Pirzio Biroli, Fey von - Tochter von Ulrich von Hassell, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Hofacker, Anna-Luise von - Tochter von Ilse Lotte und Cäsar von Hofacker, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Hofacker, Eberhard von - Sohn von Ilse Lotte und Cäsar von Hofacker, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Hofacker, Ilse Lotte von geb. Pastor - Ehefrau von Cäsar von Hofacker, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Kaiser, Elisabeth - Tochter von Therese und Jakob Kaiser, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Kaiser, Therese geb. Mohr - Ehefrau von Jakob Kaiser, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Kuhn, Arthur - Vater von Joachim Kuhn, vermutlich seit Juli 1944 in Haft
  • Lindemann, Lini geb. von Friedeberg - Ehefrau von Fritz Lindemann, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Mohr, Josef - Bruder von Therese Kaiser, der Ehefrau von Jakob Kaiser, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Mohr, Käthe geb. Schmaus - Ehefrau von Josef Mohr, einem Bruder von Therese Kaiser, der Ehefrau von Jakob Kaiser, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Plettenberg-Lenhausen, Gisela Gräfin von - Schwester von Elisabeth Vermehren, der Ehefrau von Erich Vermehren, seit April 1944 in Haft (erste Sippenhäftlinge)
  • Plettenberg-Lenhausen, Walther Graf von - Vater von Elisabeth Vermehren, der Ehefrau von Erich Vermehren, seit April 1944 in Haft (erste Sippenhäftlinge)
  • Schröder, Hans-Dietrich - Sohn von Ingeborg und Johannes Schröder, einem Mitglied beim Nationalkomitee Freies Deutschland
  • Schröder, Harring - Sohn von Ingeborg und Johannes Schröder, einem Mitglied beim Nationalkomitee Freies Deutschland
  • Schröder, Ingeborg geb. Siems - Ehefrau des evangelischen Pfarrers Johannes Schröder, einem Mitglied beim Nationalkomitee Freies Deutschland, zusammen mit ihren Kindern im Alter von 4, 7 und 10 Jahren
  • Schröder, Sybille-Maria - Tochter von Ingeborg und Johannes Schröder, einem Mitglied beim Nationalkomitee Freies Deutschland
  • Stauffenberg, Alexander Schenk Graf von - Bruder von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, seit Juli 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Alexandra Schenk Gräfin von - Tochter von Markwart Schenk Graf von Stauffenberg, einem Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Elisabeth Schenk Gräfin von geb. Freiin von und zu Guttenberg - Ehefrau von Klemens Schenk Graf von Stauffenberg, einem Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, seit August 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Klemens Schenk Graf von - Sohn von Markwart Schenk Graf von Stauffenberg, einem Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Maria Schenk Gräfin von geb. Classen - Ehefrau von Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, einem Bruder von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, seit Juli 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Marie Agnes "Ines" Schenk Gräfin von - Tochter von Markwart Schenk Graf von Stauffenberg, einem Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Marie-Gabriele ("Gagi") Schenk Gräfin von - Tochter von Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg und Klemens Schenk Graf von Stauffenberg, einem Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Markwart Schenk Graf von - Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 in Haft 17
  • Stauffenberg, Otto Philipp Schenk Graf von - Sohn von Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg und Klemens Schenk Graf von Stauffenberg, einem Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 in Haft 17
  • Vermehren, Isa - Schwester von Erich Vermehren, seit April 1944 in Haft (erste Sippenhäftlinge) 6

Zwei Häftlinge, die in Dachau Kalfaktoren (sog. Hausel) waren, waren für Hilfsdienste dabei:

  • Visintainer, Wilhelm - (genannt "Kohlenklau") aus Wuppertal-Elberfeld, Koch und ehemaliger Zirkusclown
  • Wauer, Paul - aus Breslau, Friseur und Zeuge Jehovas

Insgesamt erlangten in Niederdorf 141 (139) Gefangene die Freiheit. 18

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Literatur

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Film

  • Wir Geiseln der SS. Zweiteiliges Doku-Drama der Gebrüder Beetz Filmproduktion, 2015. Drehbuch: Christian Frey. Regie: Christian Frey, Carsten Gutschmidt. Musik: Nils Kacirek. Schauspieler: Henriette Schmidt (Fey von Hassel Pirzio Biroli), Tim Bergmann (Oberst Bogislaw von Bonin), Gerhard Wittmann (SS-Obersturmführer Edgar Stiller), Uwe Bohm (SS-Untersturmführer Bader), Isabelle Barth (Ingeborg Schröder), Philipp Franck (Hans-Dietrich Schröder), Anastasia C. Zander (Sybille-Maria Schröder), Sina Reiß (Isa Vermehren), Martin Thaler (Kurt von Schuschnigg), Torsten Muenchow (General Sante Garibaldi), Tomas Sinclair Spencer (Wing Commander Harry Day), Marc Benjamin (Pilot Officer "Jimmy" James).

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Einzelnachweise

1    Nach Angaben von Best (S. 228) und Müller (S. 269) waren es 30 Mann unter Stiller und 20 Mann unter Bader. Nach anderen Angaben sollen es 60, 80 oder 86 Mann gewesen sein (Richardi 2005 S. 201 u. 302). Siehe auch: SS: Schutzstaffel der NSDAP, SD: Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, Tabelle der SS-Dienstgrade.
2Best schildert die Überwältigung von SS-Untersturmführer Bader und dessen SD-Männern am 30.4.1945 wie folgt (S. 235): "Als nächstes ging ich mit von Bonin und Liedig zu einer Besprechung mit dem Offizier, den von Vietinghof geschickt hatte, fand ihn aber sehr nervös vor und abgeneigt, eine endgültige Aktion zu ergreifen. Nach einiger Diskussion, bei der von Bonin sagte, dass er als sein vorgesetzter Offizier die volle Verantwortung übernehmen werde, stimmte er zu, dass seine Männern eine Machtdemonstration durchführten, indem sie ein paar Maschinengewehre auf dem Platz aufstellten und auf den SD-Lastwagen ausrichteten. Stiller hatte Bader offensichtlich über seine Unterhaltung mit uns unterrichtet, da er und seine Männer bei ihrem Lastwagen versammelt waren und ihre eigene Beratung abhielten. Von Bonin und ich gingen zu ihnen hinüber und sagten: 'Werfen Sie Ihre Waffen herunter oder diese Gewehre gehen los.' Zu unserer Überraschung gehorchten sie ohne Murren, und sobald sie ihre Maschinenpistolen aus dem Lastwagen warfen, wurden diese von Italienern mit roten Halstüchern aufgegriffen, denen lediglich eine Waffe fehlte, um zu vollwertigen Partisanen zu werden. Nachdem das vorbei war, wurde Bader recht bescheiden und bat uns, unseren Einfluss zu nutzen, ihm etwas Benzin zu besorgen, damit er und seine Männer wegfahren konnten." Best berichtet über den 3.5.1945 in Niederdorf (S. 245): "Als wir durch das Dorf gingen, sah ich den Gestapo-Lastwagen verlassen auf dem Platz stehen. Auf Veranlassung von Bonins hatte der Bürgermeister es abgelehnt, Benzin herzugeben, und schließlich waren Stiller und Bader aufgebrochen mit der Absicht, nach Bozen zu marschieren."
3Siehe auch: Führer-Häftlinge. Schönes Wetter in: DER SPIEGEL 9/1967, S. 54 f. – Gurschler, Susanne: Die Odyssee der "Ehren"-Häftlinge, in: "ECHO Tirol" 10.11.2005
4Koop behauptet, es sei schwierig, wegen einer Vielzahl einander widersprechender Darstellungen die tatsächlichen Vorgänge bei der Befreiung der Häftlinge nachzuzeichnen (S.11), obwohl Richardi unter Hinzuziehung eines immensen Quellenmaterials bereits 2005 eine völlig konsistente Darstellung geliefert hat.
Ein "möglichst objektives Bild" ergibt sich laut Koop aus den Tagebuchaufzeichnungen der beiden Geistlichen Karl Kunkel und Johann Neuhäusler (S. 220). Leider erfahren wir von Koop nicht, was Kunkel über die Befreiung durch die Wehrmacht am 30. April 1945 aufgezeichnet hat. Neuhäusler berichtet nur: "Schuschnigg ist da. Bücher heraussuchen lassen für Bibliothek um etwa ½ 6 Uhr Abfahrt nach Hotel Prags/am Wildsee 1400 m gelegen. Ich bekomme Zimmer 230. Für Abendessen steht nur ein P.Topf (Suppe) zu Verfügung. Besitzerin von Prags ist Frau Heiß." (S. 226)
Seltsamer Weise lässt Koop seitenlang einen Innbrucker Universitätsprofessor zu Wort kommen (S. 230 ff), der 1946 allen Ernstes behauptet haben soll, eine "Südtiroler Widerstandsbewegung" habe in Niederdorf mit "Tiroler Standschützen" die "nicht sehr zahlreiche SS-Mannschaft in Schach gehalten", habe sich dann durch die von ihr selbst herbeigeholte Wehrmacht ablösen lassen, den Hotelaufenthalt organisiert, die befreiten Gefangenen am Pragser Wildsee als "Gäste der Südtiroler Widerstandsbewegung" begrüßt und die Amerikaner per Funk über die Ereignisse informiert. – Allerdings hat keiner der Zeitzeugen diese Heldentaten beobachtet und davon berichtet.
5Koblank, Peter: Die Entdeckung des Befehls zur Liquidierung Elsers, in: Online-Edition Mythos Elser 2006
6Best S. 204 ff. Obige Zitate S. 199, 231 und 247. Auch von einigen anderen Sonder- und Sippenhäftlingen existieren Aufzeichnungen, teilweise als Buch veröffentlicht, mit Berichten über ihre Gefangenschaft und ihre Befreiung in Niederdorf. Beispiele: James, deutsche Ausgabe S. 173 ff (obiges Zitat S. 177 f); Müller S. 266 ff (obiges Zitat S. 269); Schlabrendorff S. 189 ff; Schuschnigg S. 496 ff; Vermehren, in der Taschenbuchausgabe von 1998 S. 183 ff (obiges Zitat S. 198 f).
Trotz einiger aus heutiger Sicht erkennbarer Fehler im Detail ist der Bericht von Best, der sich ausgezeichnet auf Deutsch verständigen konnte, der mit Abstand qualifizierteste. Dies liegt daran, dass er nicht nur auf Grund seiner Geheimdiensttätigkeit ein besonders professioneller Beobachter war, sondern auch aktiv in das Geschehen eingriff, ständig mit Stiller im Dialog war und zusammen mit Bonin das in Niederdorf gegründete Häftlingskomitee leitete.
Diesem Mann, seit dem Venlo Zwischenfall im November 1939 in deutscher Haft, ist dieser Artikel gewidmet: Ad perpetuam memoriam exploratoris Sigismund Payne Best (dt.: Zum immerwährenden Andenken an den Spion Sigismund Payne Best).
7Richardi (2005) S. 158 ff. Siehe auch: Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee.
8Best S. 256 ff. Alphabetisch sortiert, Namen korrigiert und mit zusätzlichen Informationen versehen, Personen ergänzt, insbesondere nach Ricardi (2005). Im Jahr 2013 im Rahmen einer allgemeinen Überarbeitung des Artikels soweit möglich mit Links zu Wikipedia und mit dem Beginn der Haftzeit versehen.
9Laut Best (S. 256 ff) wäre es eine Nation mehr, also siebzehn Nationen, da er fälschlich den Franzosen Armand Mottet als Schweizer auflistet.
Ricardi (S.284) kommt ebenfalls auf siebzehn Nationen (nach seinen Worten "in den heutigen Landesgrenzen"), da er die Tschechoslowakei in Slowakei und Tschechische Republik auftrennt. Mit dem gleichen Recht müssten dann aber auch die neun Gefangenen aus Jugoslawien und der Sowjetunion entsprechend den aktuellen Staatsgrenzen aufgeteilt werden. Stattdessen werden hier die Staaten der Nachkriegszeit, identisch mit denen von 1938 vor dem Anschluss von Österreich an das Deutsche Reich, zu Grunde gelegt.
10Franz Joseph Oskar Ernst Patrick Friedrich Leopold von Preußen (1895-1959).
Auskunft von Hans-Günter Richardi am 26.3.2013 per E-Mail an den Autor: "Friedrich Leopold Prinz von Preußen kam wegen seiner Homosexualität in Haft; er wurde als '175er' geführt. Das gleiche galt für seinen Sekretär Fritz von Cerrini, der mit ihm in Haft genommen wurde und der bei ihm blieb."
Homosexualität war nach Paragraf 175 Reichsstrafgesetzbuch (RStGB) strafbar: "Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft. Bei einem Beteiligten, der zu Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen." (Fassung von 1935) Dieser Paragraf galt nach dem Krieg in immer wieder umformulierter Weise weiter, im StGB der DDR ab 1968 als § 151. In der DDR wurde er 1988 gestrichen. Nach der Wende war er laut Einigungsvertrag in den neuen Bundesländern nicht anzuwenden und wurde im StGB der Bundesrepublik Deutschland 1994 gestrichen.
Laut Koop (S. 63) wurde der Prinz am am 25.5.1944 in Bad Gastein verhaftet, weil er "Feindsender" gehört hat.
11Heberlin ist abgereist in: DER SPIEGEL 28/1950, S. 16
12Über diese Frau gibt die Literatur so gut wie nichts her. Best erwähnt (S. 196): "Sie war ein blondes untersetztes Mädchen Anfang zwanzig, die abgesehen von ihrer Größe als Model für eine jugendliche Germania hätte auftreten können. Nach ihren eigenen Angaben hatte sie für einige Nachrichtendienste der Alliierten gearbeitet und war in Ravensbrück inhaftiert gewesen, wo sie gefoltert worden war, indem man ihr in Zeitlupengeschwindigkeit zwei Zähne zog. Später war sie im Bordell in KZ Sachsenhausen untergebracht, da ein SS-Offizier, der 'nett' zu ihr war, sie aus Ravensburg befreit hatte und in Sachsenhausen das Bordell der einzige Ort war, der für eine Frau geeignet war – ich wiederhole, sie hatte da nur eine Unterkunft, auch wenn sie sich viel von den Redensarten und Manieren ihrer Gastgeberinnen angeeignet zu haben schien. Sie war fest davon überzeugt, sehr schön und von allen Männern begehrt zu sein. Als gutmütiges Mädchen hielt sie es für ihre Pflicht, allen Freude zu machen, und ihre Bereitschaft war so groß, dass Zurückhaltung ihr gegenüber ebenso notwendig wie schwierig war. Ihr einziger Erfolg war meines Wissens unser kleiner Russe. Wassili wurde heftig verliebt in sie und versank in einem Abgrund von selbstmörderischer Depression. Während ihr die anderen Männer unserer Gruppe zumindest mit einer indifferenten Wertschätzung begegneten, war sie bei all unseren Frauen von Herzen unbeliebt, und nur die gutherzige Frau Heberlein gab sich Mühe, sich mit ihr anzufreunden und sie vor Schwierigkeiten zu schützen." Sie hatte Best zufolge in Sachsenhausen die Zellennummer 9 (S.177) und am Pragser Wildsee Ray van Wymeersch als neuesten Freund (S. 247).
James schreibt über sie (S. 176): "Eine weitere schillernde Persönlichkeit war ein Mädchen namens Heidi, die das 'Heute Nacht oder Nie'-Auftreten einer Nachtklubtänzerin hatte. Einer ihrer Liebhaber war Wassili Molotow gewesen, der ihr ohne nennenswerten Erfolg wie ein Hund hinterhergelaufen war. Sie jedoch hatte ihren Köder bereits anderweitig ausgelegt gehabt."
Ira Vermehren beschreibt sie (S. 202 f) so: "Als zweiter Engländer befand sich der Offizier Falkoner in der Zelle, dazu ein junger Belgier, der sehr innig liiert zu sein schien mit einer in jeder Beziehung undefinierbaren und gleich unsympathischen jungen Dame, von der keiner wusste, wie sie eigentlich hieß, welcher Nationalität sie eigentlich angehörte, welche Sprache sie eigentlich richtig konnte – kurzum, sie galt als Spionin, wobei es fraglich blieb, ob sie nur für die Gestapo gearbeitet hatte oder gescheit genug gewesen war, wenigstens nach beiden Seiten gleichzeitig dieses edle Gewerbe zu betreiben. Der junge belgische Galan war nicht angenehmer als seine peinliche Freundin."
Auskunft von Hans-Günter Richardi am 26.3.2013 per E-Mail an den Autor: "Heidel Nowakowski wird als Spionin bezeichnet, und die Mithäftlinge misstrauten ihr. Nach dem Krieg sank sie ins Kriminelle ab."
13The Great Escape nennen die Briten den Massenausbruch von kriegsgefangenen Luftwaffenangehörigen am 24. März 1944 aus dem Stalag Luft III bei Sagan etwa 160 km südöstlich von Berlin (heute Żagań in Polen), bei dem 76 Gefangenen die Flucht durch einen Tunnel gelang, aber alle bis auf drei wieder gefasst wurden. Auf Befehl Hitlers (sogenannter "Sagan-Befehl") wurden fünfzig von ihnen "auf der Flucht" erschossen: 21 Briten, 6 Kanadier, 6 Polen, 5 Australier, 3 Südafrikaner, 2 Neuseeländer, 2 Norweger und jeweils ein Belgier, Tschechoslowake, Franzose, Grieche und Lette. 1963 verfilmt als The Great Escape (dt.: Gesprengte Ketten) mit Steve McQueen, Charles Bronson u.a. bekannten Schauspielern. Liste der Ausbrecher.
14Die vier Iren gerieten 1940 in Kriegsgefangenschaft und waren Teilnehmer an einem Ausbildungsprogramm der Abteilung II (Sabotage und Sonderaufgaben) der deutschen Abwehr für irische Kriegsgefangene im Lager Friesack. McGrawth war dort der Senior British Officer, dem man vorwarf, als Kommandant Landsleuten zur Flucht verholfen zu haben. Cushing, O'Brien und Walsh wurden in Berlin als Spionageagenten ausgebildet. Nach einem Fluchtversuch im Jahr 1942 wurden sie im KZ Sachsenhausen interniert. Siehe auch: Weale, Adrian: Irish Volunteers in German Service; O'Reilly, Terence: Hitler's Irishmen, Cork (Irland) 2008.
15Best nennt die zwei Italiener Amechi und Burtoli, die Richardi "nirgends ermitteln" konnte und die sich nach seiner Auffassung nicht im Geiseltranport befanden (2005 S. 299 u. 308). Daher sind es nach Richardi, der wiederum zu Recht Apollonio, Badoglio und Tamburini nennt, die bei Best fehlen (auch wenn Best auf S. 217 im Zusammenhang mit den Italienern "zwei ziemlich mysteriöse Männer, von denen einer angeblich Polizeichef in einer bedeutenden Stadt gewesen war," erwähnt und Apollonio und Tamburini gemeint haben wird), nur fünf Italiener.
Richardi kannte anscheinend nicht die Memoiren des britischen Häftlings B. A. "Jimmy" James. Dieser berichtet über seinen KZ-Aufenthalt in Sachsenhausen (deutsche Ausgabe S. 110): "Zwei famose italienische Soldaten, die beim italienischen Marine-, Militär- und Luftwaffenattaché Ordonanzen gewesen waren, sorgten für uns. Den Attaché hatte man nach der italienischen Kapitulation aus dem Lager entfernt. Bartoli, ein ehemaliger Pastakoch aus Rom, vollbrachte täglich wahre Wunder mit den deutschen Rationen und den limitierten Rot-Kreuz-Paketen. Dabei half ihm Amici, ein Cousin des Schauspielers Don Amici."
Der richtige Name des Schauspielers war Don Ameche, was die Identität von Amici (James) und Amechi (Best) überdeutlich macht. Auch die Identität von Bartoli (James) und Burtoli (Best) steht wohl außer Zweifel.
James nennt die beiden Italiener erneut bei der Ankunft in Niederdorf. Dort haben sich Bartoli und Amici zusammen mit Ferraro (richtig: Ferrero) und Garibaldi heimlich mit den Partisanen getroffen (S. 179).
Möglicherweise sind die beiden damals (im Gegensatz zu Ferrero und Garibaldi) schon gleich bei der Ankunft in Niederdorf bei den Partisanen untergetaucht. Vermutlich sind sie die "zwei zerlumpten Italiener", die laut Isa Vermehren (Taschenbuchausgabe 1998 S. 231) nach dem erwähnten Treffen mit den Partisanen von Garibaldi in Marsch gesetzt wurden, um Verbindung mit den Alliierten aufzunehmen.
Es kann keinen Zweifel an ihrer Existenz geben, auch wenn, worauf Richardi zu Recht hinweist (2005 S. 308), Best von allen befreiten Häftlingen die Vornamen nennt, außer bei den Italienern Ferrero, Amechi und Burtoli, wobei übrigens auch James bei diesen Italienern nur deren Nachnamen nennt.
16Von ursprünglich 45 Sippenhäftlingen fehlten laut Richardi (2005 S. 286 f) in Niederdorf folgende acht Personen, von denen alle außer Anna Freifrau von Lerchenfeld den Krieg überlebten:
  • Goerdeler, Reinhard - Sohn von Anneliese und Carl Goerdeler - nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Hammerstein, Franz Freiherr von - Sohn von Maria und Kurt von Hammerstein-Equord - nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Jehle, Peter A. - Sohn eines Fliegers, der in die Schweiz geflohen war und dort um Asyl nachgesucht hat
  • Kuhn, Hildegard Maria - Ehefrau von Arthur Kuhn und Mutter von Joachim Kuhn blieb aus gesundheitlichen Gründen im KZ Dachau zurück, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Lerchenfeld, Anna Freifrau von - Schwiegermutter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, starb am 6. Februar 1945 im Strafvollzugslager der SS und Polizei in Danzig-Matzkau an Typhus, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Schatz, Dietrich - Vetter von Hans-Bernd Gisevius, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
  • Stauffenberg, Klemens Schenk Graf von - Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde aus gesundheitlichen Gründen aus dem Transport herausgenommen, seit August 1944 in Haft
  • Stauffenberg, Markwart jr. Schenk Graf von - Sohn von Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg und Klemens Schenk Graf von Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 in Haft
17In der Familie der hingerichteten Brüder Berthold und Claus Schenk Graf von Stauffenberg ging die Sippenhaftung weit über die direkten Familienangehörigen hinaus. Im folgenden Stammbaum sind markiert:
- Grau: Am 20. Juli 1944 bereits verstorben
- Schwarz: Kein Sippenhäftling
- Grün: Sippenhäftling, in Niederdorf befreit
- Blau: Sippenhäftling, andernorts befreit
- Blau: Sippenhäftling, hat Krieg nicht überlebt
Klemens (1826-1886) ∞ Leopoldine Gräfin Oberndorff (1831-1919)
  1. Gabriele Eleonore (1857-1946)
  2. Berthold (1859-1944) ∞ Maria Theresia Freiin Groß von Trockau (1860-1943)
    1. Klemens (1885-1949)Elisabeth Freiin von und zu Guttenberg (1891-1946)
      1. Marie Gabriele (* 1914)
      2. Karl Berthold (1918-1941)
      3. Markwart (* 1921)
      4. Otto Philipp (* 1926)
    2. Leopoldine Johanna (1887-1975) ∞ Philipp Rudolf Graf von Ingelheim (1883-1933)
    3. Markwart (1889-1975) ∞ Olga Maria Böhl de Liagre (1899-1973)
      1. Delia Marie Gabriele (* 1919)
      2. Marie Agnes (Ines) (1920-1954)
      3. Alexandra (* 1922)
      4. Alfred (* 1923)
      5. Klemens (1929-1987)
    4. Irma Anna (1998-1932) ∞ Otto Freiherr Groß von Trockau (1890-1957)
  3. Alfred (1860-1936)Caroline Gräfin Üxküll-Gyllenband (1875-1956)
    1. Berthold (1905-1944)Maria Classen (1900-1977)
      1. Alfred (1937-1987)
      2. Elisabeth (* 1939)
    2. Alexander (1905-1964)Melitta Schiller (1903-1945)
    3. Claus (1907-1944)Nina Freiin von Lerchenfeld (1913-2006) und deren Mutter
      Anna Freifrau von Lerchenfeld (1879-1945) ∞ Gustav (1871-1944)
      1. Berthold (* 1934)
      2. Heimeran (* 1936)
      3. Franz (* 1938)
      4. Valerie (1940-1966)
      5. Konstanze (* 1945)
  4. Friedrich (1862-1882)
  5. Philipp (1864-1945) ∞ Marie Ottilie Schönhofen (1875-1959)
    1. Maria (1905-1940)
  6. Maria (1867-1875)
Claus' Mutter Caroline kam nach kurzer Haft bereits im Herbst 1944 wieder frei. – Seine Schwiegermutter Anna Freifrau von Lerchenfeld starb am 6.2.1945 in Haft an Typhus. – Seine Schwägerin Melitta wurde im September 1944 wieder freigelassen, weil sie als Testfliegerin kriegswichtige Aufgaben zu erfüllen hatte; sie kam am 8.4.1945 ums Leben, nachdem ihre unbewaffnete Maschine von einem US-Jagdflieger abgeschossen wurde.
18Best (S. 256 ff) kommt auf nur 137 befreite Häftlinge, weil bei ihm vier Personen fehlen: Friedrich Engelke (Deutschland) sowie die drei Italiener Eugenio Apollonio, Mario Badoglio und Tullio Tamburini, die Richardi (2005 S. 98, 243, 295, 299 u. 308) zu Folge definitiv dabei waren.
Richardi (2005 S. 284 ff) kommt auf nur 139 Personen, weil er die Italiener Amechi und Burtoli weglässt, für die es aber mindestens zwei Quellen (Best und James) gibt.

Der Artikel wurde im März 2013 gegenüber der Version von 2006 stark erweitert.

Dieser Artikel ist Teil der Online-Edition Mythos Elser.

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