Die Toten und Verletzten des Bürgerbräuattentats

Das Schicksal der Opfer - eine bisher bei Elser-Gedenkfeiern verschwiegene Realität

Am 8. November 1939 fand in Deutschland ein Bombenattentat statt, wie es die Menschheit bis dahin noch nie gesehen hatte. Ziel war Adolf Hitler, der diesem Attentat jedoch knapp entkam. Wer waren die tatsächlichen Opfer?


VON PETER KOBLANK (2011)

Beginnen wir mit den acht Toten, sortiert nach Alter:

  1. Maria Henle
    30 Jahre, Aushilfskellnerin bei größeren Veranstaltungen im Bürgerbräu, hinterließ Ehemann und zwei kleine Kinder.
  2. Eugen Schachta
    32 Jahre, SA-Mitglied, Haupteinsatzleiter beim Reichsautozug, war im Saal für Auf- und Abbau technischer Apparaturen zuständig, seit elf Monaten verheiratet.
  3. Wilhelm Weber
    37 Jahre, SA-Mitglied, Reichsautozug, war im Saal für Auf- und Abbau technischer Apparaturen zuständig, hinterließ Frau und zwei kleine Kinder.
  4. Franz Lutz
    53 Jahre, langjähriger Hitler-Anhänger, SA-Sturmhauptführer (entspricht Hauptmann).
  5. Michael Wilhelm Kaiser
    50 Jahre, langjähriger Hitler-Anhänger, SA-Sturmhauptführer (entspricht Hauptmann), Stellv. Führer der NSKK-Motorstandarte 86.
  6. Emil Kasberger
    54 Jahre, langjähriges NSDAP-Mitglied, Flötist beim Gaumusikzug des Traditionsgaus München-Oberbayern, hinterließ Frau und heranwachsende Tochter.
  7. Leonhardt Reindl
    57 Jahre, seit 1923 NSDAP-Mitglied, Inhaber des grünen Dauerausweises für alte Kämpfer.
  8. Michael Schmeidl
    Alter unbekannt, NSDAP-Mitglied, Alter Kämpfer, Oberamtmann a.D., war zunächst schwerverletzt und starb ein paar Tage später.

Die "Münchner Neueste Nachrichten" berichtete am 10. November 1939, dass dreißig Verletzte bereits nach ambulanter Behandlung mit "unbedeutenden Verletzungen" nach Hause entlassen werden konnten.

28 Verletzte wurden im Krankenhaus Schwabing, im Krankenhaus r. d. Isar und in der Chirurgischen Klinik stationär aufgenommen. Davon waren sechzehn "schwerverletzt". Von diesen sechzehn ist der oben genannte Michael Schmeidl kurz darauf verstorben, sodass 27 stationäre Patienten übrig blieben.

Nach dieser Zählung waren es acht Tote und 57 Verletzte (fünfzehn schwer, zwölf erheblich und dreißig geringfügig). Dies weicht etwas ab von den sonst immer in der Literatur genannten "acht Toten und 63 Verletzten, davon sechzehn schwer".

Dies erfahren wir über die 27 stationär aufgenommenen Verletzten, unter ihnen sieben Frauen, sortiert nach Nachname:

  1. Richard Bachfischer
    Elektriker, Neuaubing bei München.
  2. Anna Blank
    Kassiererin, München.
  3. Josef Böswirth
    München, ist erst nach Beendigung der Kundgebung in den Saal gegangen.
  4. Maria Dietenberger
    Kassiererin, München.
  5. Albert Eckebrecht
    Ingenieur beim Reichssender München.
  6. Zenta Egger
    Kassiererin, München.
  7. Emil Faetsch
    Kaufmann in München, Blutordensträger, SA-Regiment München.
  8. Karl Fischer
    Versicherungsangestellter, München, Blutordensträger.
  9. Anneliese Gawenat
    München, hat sich nach Schluss der Kundgebung den Saal angesehen.
  10. Anton Gruber
    Buchbinder, Angehöriger der SA-Schützenstandarte I, ist erst nach Beendigung der Kundgebung in den Saal gegangen.
  11. Elise Heuschmann
    Kassiererin, München.
  12. Christian Himmler
    Techniker beim Reichsautozug.
  13. Karl Hundt
    SS-Unterscharführer (entspricht Unteroffizier), München.
  14. Bartholomäus Ippisch
    SS-Oberscharführer (entspricht Feldwebel), München, beim Mikrofonschutz tätig gewesen.
  15. Hans Lenz
    Ortsgruppenleiter in München-Pasing, Blutordensträger.
  16. Johanna Liesecke
    Kassiererin, München.
  17. Herbert Müller
    Kaufmann, München.
  18. August Ortner
    Lehrer, zur Zeit Soldat, Dunzweiler (Saarpfalz).
  19. Franz Reder
    Wachtmeister (entspricht Unteroffizier) der Wehrmacht in München, Dauerausweis-Inhaber, Kompanie Jungsturm.
  20. Jakob Royer
    Ingenieur, Planegg bei München, Blutordensträger, SA-Regiment München.
  21. Hildegard Schirmer
    Gymnastiklehrerin.
  22. Wolfgang Schmuckert
    Medizinstudent, München.
  23. Max Schultz
    Zahnarzt, München, ist erst nach Beendigung der Kundgebung in den Saal gegangen.
  24. Theodor Thenn
    Kassenführer, München, Blutordensträger.
  25. Willi Tietz
    Aufsichtsbeamter, Berlin-Britz.
  26. Josef Werberger
    Elektromeister, SS-Obersturmführer (entspricht Oberleutnant), München.
  27. Emil Wipfel
    Dipl.-Ing. beim Reichsautozug München.

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Münchener Neueste Nachrichten 10.11.1939 Vergrößerte Ansicht


Auch wer bei diesem Anschlag das zweifelhafte Glück hatte, zu den dreißig ambulant Behandelten mit "unbedeutenden Verletzungen" zu gehören, hat dennoch womöglich sein Leben lang unter den Folgen gelitten, wie wir beispielsweise von der Kellnerin Maria Strobl wissen:

Man gibt mir immer wieder Spritzen. Aber die helfen auch nicht. Man hat es schon oft probiert. Das Dröhnen bleibt. Es wird mich immer an diese schrecklichen Minuten von damals erinnern. Solange ich lebe. Die Ärzte glauben auch nicht mehr daran, dass es in meinem Kopf jemals wieder still werden wird.

Die Detonation der Bombe hatte mein Trommelfell zerstört. Meine linke Kopfseite dröhnt seither wie ein Express im Tunnel. Und am Sonntag, am 8. November, sind es genau 20 Jahre, dass dieses Dröhnen begann.

Ich werde an diesem Abend wieder weinen. Weinen um meine Gesundheit, die ich beim Hitler-Attentat im Bürgerbräu-Keller unschuldig verloren habe. mehr...

Zwischen 1989 und 2009 sind nicht weniger als vier Biografien über Georg Elser erschienen. Nirgends wurden bisher die Namen der Toten aufgelistet, geschweige denn die der Verletzten, die Georg Elser auf dem Gewissen hat.

Es ist aber an der Zeit, diesen Menschen endlich einen Namen und - soweit heute noch möglich - eine Identität zu geben. Und man sollte sich bei den Gedenkfeiern zum Tod von Georg Elser auch ernsthaft mit den tatsächlichen Resultaten seines Attentats auseinandersetzen.


Quellen:  

Illustrierter Beobachter 16.11.1939

Illustrierter Beobachter 23.11.1939

Der Grenzbote, Heidenheim 11.11.1939

Münchner Neueste Nachrichten 10.11.1939

Maria Strobl in: Günter Peis, Zieh' dich aus, Georg Elser!, Bild am Sonntag (8.11.1959, 15.11.1959, 22.12.1959)

Max Schultz in: Günter Peis, Zieh' dich aus, Georg Elser!, Bild am Sonntag (22.12.1959)

Dieser Artikel ist Teil der Online-Edition Mythos Elser.