Übersetzter und kommentierter Auszug aus "The Venlo Incident"

War Elser ein angeworbener Dachauer KZ-Häftling?

Von Sigismund Payne Best, Captain


[Informationen, die angeblich von Elser stammen, S. 128 ff] Originaltext

Elser war genau wie ich ein Kettenraucher. Nach einem schweren Bronchitisanfall wurde er für einige Zeit auf Anordnung des Arztes auf drei Zigaretten pro Tag eingeschränkt, und weil ich damals das Vergnügen von nahezu unbegrenztem Nachschub von Tabak hatte, schickte ich ihm häufig Geschenke mit Zigarettenpapier und Tabak über einen seiner Wächter. Im Gegenzug stellte er verschiedene Dinge für mich her, u.a. ein Lineal und einen Stopfpilz, und allmählich schien er eine Art Zuneigung zu mir zu entwickeln und mich als seinen Freund zu betrachten.

[Kommentar]

Ende März 1943 brachte Eccarius mir einige Bücherregale, um die ich gebeten hatte, und diesen fehlte ein flaches Oberteil, das ich für meinen großen Stieler's Atlas benötigte. Ich verabredete mit ihm, dass Elser eines machen sollte. Als ich ein paar Tage später von der Übung kam, bemerkte ich, dass dies erledigt war und dass ich nun einen Platz hatte, wo ich meinen Atlas offen zum Nachschlagen hinlegen konnte. Ich war jedoch überrascht, als ich merkte, dass das Regal, das Elser gemacht hatte, nicht ganz in Ordnung zu sein schien, schief hing und wackelte. Daher nahm ich es ab und bemerkte sofort, dass unter einer Seite ein fest zusammengefaltetes Papier verkeilt war, das sich, als ich es öffnete, als langer und eng beschriebener Brief herausstellte. Darin gab mir Elser einen Bericht über sein früheres Leben und die wichtigsten Ereignisse, die zu dem sogenannten "Bürgerbräukeller-Bombenanschlag" vom 8. November 1939 geführt hatten, sowie seine Abenteuer seit diesem Tag.

Der Brief war schlecht formuliert, die Schrift war winzig und sehr schwer zu lesen, da er einen Tintenstift verwendet hatte, der ziemlich schwach war. Als ich aber das meiste, was er geschrieben hatte, erfolgreich entziffert hatte, war ich erstaunt und tief bewegt. Dies war nur der erste von vielen Briefen, die wir während der folgenden zwölf Monate austauschen konnten, da einer der Kalfaktoren einverstanden war, uns zu helfen. Während dieser Zeit tat ich alles, was ich konnte, um soviel wie möglich Informationen von Elser zu erlangen, und ich glaube, dass die folgende Darstellung den Tatsachen so nahe kommt, wie jemals möglich. Verschiedene Leute haben bereits über diese Angelegenheit geschrieben, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass niemand außer mir die Geschichte vom Hauptdarsteller persönlich gehört hat, wobei Informationen, die ich später aus anderen Quellen erhielt, alle dazu tendierten, die Wahrheit von dem, was Elser mir sagte, zu bestätigen.

SS-Hauptscharführer Kurt Eccarius war im KZ Sachsen-hausen verantwortlich für den Zellenbau, in dem Best, Elser und andere Sonderhäftlinge inhaftiert waren.
Elser wurde in München geboren. Tatsache ist: Elser wurde am 4.1.1903 in Hemaringen bei Heidenheim geboren.

Als er noch ziemlich klein war, starb seine Mutter bei der Totgeburt einer Schwester. Tatsache ist: Seine Mutter Maria Elser geb. Müller (*1879) starb 1960.

Sein Vater fiel kurz darauf im Kriegseinsatz. Tatsache ist: Elsers Vater Ludwig (*1872) starb 1942.

Ein Onkel, der einzige ihm bekannte Verwandte, ein Eisenbahnschaffner und kinderloser Witwer übernahm die Verantwortung für ihn und zog ihn mehr recht als schlecht auf. Der junge Elser muss sich recht wild verhalten haben, da er ein oder zwei Zusammenstöße mit der Polizei hatte, die beinahe damit endeten, dass er in ein Erziehungsheim kam. Er scheint dennoch in der Schule überdurchschnittliche Intelligenz bewiesen zu haben und einer seiner Lehrer, die einzige Person, von der er mit einer gewissen Zuneigung schrieb, half ihm, der Strafe zu entgehen. Dieser Mann scheint der Lehrer für Werkunterricht gewesen zu sein. Er bemühte sich, Elser dazu zu bringen, seine Ausbildung nach seinem Schulabschluss an einer technischen Lehranstalt fortzusetzen.

Tatsache ist: Elser wuchs bei seinen Eltern in Königsbronn auf.
Als er fünfzehn oder sechzehn war, starb sein Onkel und hinterließ ihm nur eine kleine Summe, viel zu wenig für eine weitere Schulausbildung und er kam unter die Vormundschaft des Münchner Jugendamtes. Er wurde zu einem Schreiner in die Lehre gegeben, der ihn in sein Haus aufnahm und als sein Vormund handelte. Auch hier war sein Ungehorsam Ursache vielfachen Ärgers, aber seine Intelligenz und handwerklichen Fähigkeiten machten ihn bald zu einem wertvollen Gehilfen und nach Beendigung der Lehrzeit versuchte sein Meister, ihn dazu zu bringen, in seinen Diensten zu bleiben. Doch sobald der junge Elser frei war, konnte ihn nichts mehr halten und so machte er sich mit seinem Werkzeug und anderen wenigen Habseligkeiten im Rucksack auf die in Deutschland übliche Gesellenwanderung.

Seine Reisen führten durch einen großen Teil Süddeutschlands und sogar in die Schweiz und anfangs hatte er wenig Probleme, Arbeit zu finden.

Tatsache ist: Elser lebte während seiner Lehrzeit bei seinen Eltern in Königsbronn.
Eine Zeitlang hatte er, wie er sagte, eine verantwortliche Stelle als Modellmacher bei einer der größten bayerischen Maschinenbaufirmen, dem Hersteller der BMW Fahrzeuge, aber wie er schrieb, endeten alle seine Arbeitsverhältnisse mit einem Krach mit seinen unmittelbaren Vorgesetzten.

Tatsache ist: Elser war niemals bei BMW beschäftigt.
Im Herbst 1937 war er wieder in München ohne einen Pfennig in seiner Tasche, sein Werkzeug war verkauft oder im Leihhaus und er hatte nur schwache Hoffnung auf eine weitere Beschäftigung. Zu dieser Zeit hatten die Nazis die gesamte Organisation der Arbeit derart fest unter Kontrolle, dass es praktisch unmöglich war für jemand, der nicht wenigstens Lippenbekenntnisse für die Partei abgab, eine Arbeit zu bekommen; Elser aber hasste die Nazis mehr als alles andere. Unter diesen Umständen war es natürlich, dass er in eine Gesellschaft anderer Arbeitsloser, wie er selber einer war, abdriftete und in Verbindung mit einer kommunistischen Gruppe kam. Irgendwie schafften es diese Leute stets, an Gelder zu kommen und obwohl er ihrer Partei niemals beitrat, half er ihnen beim Drucken und Verteilen von Flugblättern und wurde so stillschweigend als einer der ihren akzeptiert. Tatsächlich genoss er dieses Leben mit seinen Elementen von Gefahr und dem Gefühl, aktiv am Widerstand gegen die Obrigkeit teilzunehmen. Alles ging gut, bis eines Abends das Cafe, in dem er und seine Freunde sich immer trafen, Ziel einer Polizeirazzia war und sie alle in einen Polizeiwagen gesteckt und zur Wache gebracht wurden. Auch wenn kein bestimmter Beweis gegen irgendeinen von ihnen gefunden wurde, wurden sie als "asozial und arbeitsscheu" eingestuft und zur Umerziehung in das Konzentrationslager Dachau gesteckt.

Tatsache ist: Von Dezember 1936 bis März 1939 war Elser bei der Heidenheimer Armaturenfabrik Waldenmaier beschäftigt.
Die ersten Monate, die Elser hier verbrachte, blieben für ihn stets die entsetzlichsten seines Lebens. Weder, sofern ich verstand, wegen schlechter Behandlung, die er erleiden musste, noch wegen Grausamkeiten, die er beobachtete, sondern schlichtweg, weil er zum ersten Mal in seinem Leben die volle nackte Gewalt einer verantwortungslosen Macht fühlte, die jede Spur von Individualität und Illusion von Freiheit zertrampelte. Zunächst musste er mit Pickel und Schaufel arbeiten wie andere Neuankömmlinge, aber recht bald wurde seine Begabung als Zimmermann und Schreiner entdeckt und er wurde in der Möbelfabrik des Lagers eingesetzt.

Elser war sehr weit entfernt vom typischen Arbeiter, weil er tatsächlich eine Art Künstler war, der am besten mit seinen eigenen Entwürfen arbeitete. Man hat mir öfters Schränke und andere Möbelstücke gezeigt, die er in Sachsenhausen für den Kommandanten und die Aufseher hergestellt hatte und ich habe außer in Museen niemals ähnliches gesehen.

Neben anderen Dingen stellte er, während er in Sachsenhausen war, eine komplette Drehbank her, in dem er das Getriebe schnitzte und alle Teile von Hand fertigte. Ich sah auch eine lange Kette, die er aus einem einzigen Holzstab schnitzte mit jedem Glied so perfekt vollendet, als wenn es mit einer Maschine aus Metall gefertigt worden wäre.

Er war noch nicht lange in der Schreinerwerkstatt in Dachau beschäftigt, als etwas die Aufmerksamkeit des Kommandanten auf seine Arbeit lenkte, und von da an war er ausschließlich damit beschäftigt, Möbelstücke für ihn und seine Freunde herzustellen. Im Laufe der Zeit wurden ihm viele Privilegien gewährt einschließlich der Befreiung von der Teilnahme an den morgendlichen und abendlichen Appellen und schließlich wurde er auf die SS Rationsstärke gesetzt und kam so zu gutem Essen. Ich nehme an, dass er während der Arbeit fast so glücklich war, wie es seiner Natur entsprach, auch wenn er in seinen Briefen darauf beharrte, wie sehr er sein Leben in Dachau hasste und wie stark seine Sehnsucht nach Freiheit war. Soweit ist herausfinden konnte, bedeutete Freiheit für ihn "Mädchen", denn er war ein Mann, der stark unter der erzwungenen Enthaltsamkeit im Gefängnis litt.

Tatsache ist: Es gibt in den Jahren vor dem Attentat kein unerforschtes Zeitfenster für einen längeren Aufenthalt Elsers im KZ Dachau.
Eines Tages Anfang Oktober 1939 wurde er zur Kommandantur gerufen, wo er von zwei Männern befragt wurde, die ihm eine Vielzahl von Fragen über sein Vorleben und insbesondere zu den Namen früherer Bekannter und Verwandter stellten. Was letztere anging, hatte er keine, soweit er wusste, und Freunde kannte er nur als Paul, Heinz oder Karl, so wie sie ihn als den kleinen Georg kannten. Nachnamen wurden in den Kreisen, in denen er sich bewegt hatte, kaum benutzt.

Ein oder zwei Wochen später wurde er erneut gerufen und traf wieder die gleichen beiden Männer. Beim ersten Mal musste er während der Befragung in Habachtstellung stehen, aber dies Mal wurde er in ein anderes Büro gebracht, wurde aufgefordert, Platz zu nehmen und erhielt eine Zigarette. Die Männer waren überaus freundlich, sagten ihm, der Kommandant habe ihnen einige seiner Arbeiten gezeigt und dass es wirklich eine Schande sei, dass so ein guter Arbeiter sein Leben in einem Konzentrationslager verschwenden sollte. Würde er nicht gerne die Freiheit zurückgewinnen? Diesem Vorschlag stimmte Elser von Herzen zu. Nun, dies konnte einfach arrangiert werden, wenn er nur absolut verschwiegen wäre und Befehlen ohne Fragen gehorchen würde. Alles, was sie von ihm wollten, war die Durchführung eines kleinen Jobs im Rahmen seiner Fähigkeiten, und wenn dies erledigt wäre, würde er stattlich belohnt und in die Schweiz geschickt werden, wo es ihm freistand, zu leben wie er wollte und Überzeugungen zu vertreten, wie es ihm beliebte. Wie Elser es ausdrückte: "Was konnte ich sonst als ja sagen. Hätte ich abgelehnt, wäre ich sicherlich noch am selben Abend durch den Schornstein hochgegangen." Dies war der Ausdruck, der von den Insassen von Konzentrationslagern verwendet wurde, um das Verfahren der Exekution und Verbrennung zu beschreiben.

Ich weiß nicht, ob es bei dieser oder einer späteren Gelegenheit war, als man ihm die Geschichte einer Verschwörung gegen Hitler erzählte, in die einige seiner engsten Anhänger verwickelt seien. Hitler sollte im Bürgerbräukeller in München am 8. November zum Gedächtnis seiner Kameraden sprechen, die 1923 beim Putsch fielen, als sie den ersten Versuch unternahmen, die Regierung zu stürzen. Nach Beendigung seiner Rede blieb Hitler üblicher Weise noch eine Weile, um mit seinen langjährigen Anhängern zu sprechen. Gewisse verbrecherische Verräter hatten den Plan gefasst, ihn auf die Seite zu drängen und zu erschießen. Obwohl die Namen der Personen, die in die Verschwörung verwickelt waren, bekannt waren, hielt man es nicht als ratsam, sie zu verhaften, da dies einen großen Skandal verursachen würde, der jetzt in Kriegszeiten verhindert werden musste. Daher bestand die Absicht, andere Mittel einzusetzen, die Verräter zu liquidieren. Die Idee bestand darin, eine Höllenmaschine in eine Säule des Kellers einzubauen. Zur Explosion gebracht werden sollte sie unmittelbar nachdem der Führer das Gebäude verlassen hatte, was dieser direkt nach Beendigung seiner Rede tun würde. Auf diese Weise würden die Verschwörer mit Stumpf und Stiel beseitigt werden und niemand würde etwas von ihrer Verschwörung erfahren.

Elser war nicht so töricht, wirklich zu glauben, dass er, nachdem man ihm soviel erzählt hatte, freigelassen oder überhaupt am Leben gelassen werden würde, aber da es eine Entscheidung war zwischen einem sicherlich sofortigen Tod oder der Liquidierung zu irgendeinem unbekannten Zeitpunkt in der Zukunft, versprach er natürlich, zu tun, was man von ihm verlangte.

Nach diesem Gespräch wurde Elser nicht mehr erlaubt, in sein altes Quartier im Lager zurückzukehren. Stattdessen wurde er in eine komfortable Zelle in einem Gebäude gebracht, das zur Unterbringung wichtiger politischer Gefangener genutzt wurde. Hier gab man ihm statt seiner gestreiften Gefängnistracht zivile Kleidung und brachte ihm gutes Essen und so viele Zigaretten, wie er wollte. Am nächsten Tag, als er den Wunsch aussprach, eine Arbeit fertigzustellen, mit der er gerade beschäftigt gewesen war, wurde eine Werkbank in eine große Zelle in dem Gebäude gebracht und er erhielt sein Werkzeug.

Tatsache ist: Von Anfang September bis Ende Oktober 1939 wohnte Elser in der Türkenstraße 94 bei Alfons und Rosa Lehmann zur Untermiete. In dieser Zeit war er regelmäßig nachts im Bürgerbräukeller, um die Säule für die Bombe vorzubereiten.
In der ersten Woche des November 1939 wurde Elser zwei Mal von den selben zwei Männern nachts abgeholt und mit dem Auto in den Bürgerbräukeller gefahren, wo man ihm die Säule zeigte, in den die Bombe eingebaut werden sollte. Die Ziegelsteine der Säule waren mit einer verzierten Holzvertäfelung verkleidet, sodass alles, was er zu tun hatte, darin bestand, Teile der Vertäfelung zu entfernen und ein paar Ziegelsteine herauszunehmen. In den so entstandenen Hohlraum setzte er die Bombe ein, die aus einer Art Knetmasse, dem Inneren einer Uhr und einem Zünder bestand. Ihm wurde aufgetragen, vom Zünder aus eine elektrische Leitung zu einem Druckknopf in einer Nische in der Nähe des Gebäudeeingangs auf der Ebene der Straße zu verlegen. Der gesamte Job war für ihn ein Kinderspiel und er konnte nicht verstehen, warum ein derartiges Aufheben darum gemacht worden war.

Tatsache ist: In der ersten Novemberwoche baute Elser nachts im Bürgerbräukeller die Bombe ein, wo er in den Wochen davor die Säule ausgehöhlt hatte. Er übernachtete teils in einem Lager des Schreiners Johann Brög in der Türkenstraße 59, teils im Freien. Am 6. November besuchte er seine Schwester Maria Hirth in Stuttgart und fuhr am 7. November nochmals zurück nach München, um die Funktion seiner Bombe ein letztes Mal zu überprüfen.
Ich nahm eine Menge Ärger auf mich, von Elser eine genauest mögliche Beschreibung der Bombe zu erhalten und aus dem, was er schrieb, ging klar hervor, dass die Uhr, die er als gewöhnlichen Schweizer Wecker bezeichnete, nichts mit dem Zünder zu tun hatte, der nur durch einen elektrischen Stromkreis von außerhalb ausgelöst werden konnte.

Elsers bequemes Leben in Dachau setzte sich noch ein paar Tage fort; man sagte ihm, er habe auf seine Freilassung zu warten, bis der Nachweis erbracht worden sei, dass er seine Arbeit ordentlich ausgeführt habe. Er hatte keine Angst vor einem diesbezüglichen Misserfolg, jedoch wenig Vertrauen in das Versprechen von Freiheit und Belohnung, das man ihm gegeben hatte.

Tatsache ist: In den Gestapoverhören beschrieb Elser einen auf zwei gekoppelten Uhren basierenden Zeitzünder. Er war auch in der Lage, die Bombe vor den Augen der Gestapo nachzubauen.
Am 9. oder 10. November riefen ihn wieder die zwei Männer und als er in ein wartendes Auto stieg, teilten sie ihm mit, dass er jetzt auf dem Weg in die Schweiz und ein Leben in Freiheit sei. Sie nahmen die Straße zur Schweizer Grenze in der Nähe von Bregenz am östlichen Ende des Bodensees, das Elser gut kannte, seit er eine Zeitlang in St. Gallen direkt auf der anderen Seite der Grenze gearbeitet hatte, sodass er die Richtung seiner Reise jederzeit überprüfen konnte. Als sie eine Stelle etwa eine Viertelmeile vom Zollgrenzposten entfernt erreicht hatten, hielt der Wagen und man sagte ihm, er müsse den weiteren Weg zu Fuß zurücklegen. Man gab ihm einen Umschlag, der, soweit er erkennen konnte, einen großen Betrag in deutschen und Schweizer Banknoten enthielt. Er bekam auch eine Ansichts-Postkarte mit einer Abbildung des Bürgerbräukellers, auf der die Säule, in die er die Bombe eingebaut hatte, mit einem Kreuz markiert war. Man sagte ihm, wenn er diese den Grenzposten zeigen würde, würden diese wissen, wer er sei, und ihn ohne nach seinen Papieren zu fragen durchlassen; alles sei arrangiert worden.

Tatsache ist: Elser wurde am Abend des 8. November in Konstanz am westlichen Ende des Bodensees beim Versuch, heimlich über die Grenze in die Schweiz zu entkommen, verhaftet. Er hatte u.a. eine Ansichtskarte vom Bürgerbräukeller bei sich, jedoch keinen größeren Geldbetrag. Die Zöllner nahmen zunächst an, er wolle über die Grenze, um sich dem Wehrdienst zu entziehen.
Er tat, was man ihm gesagt hatte, aber weder der Grenzposten, noch der Zoll schien irgendetwas über ihn zu wissen oder die Bedeutung der Postkarte zu verstehen. Man stellte ihm eine Reihe von Fragen. Weil er keinen Pass oder andere Papiere hatte, wurde er durchsucht. Der Umschlag mit dem Geld wurde gefunden und er wurde sofort abgeführt und mit der Beschuldigung des Devisenschmuggels ins Gefängnis gesteckt. Vermutlich, sofern die vorgegebene Unwissenheit der Männer an der Grenze echt war, wurde jemand, der die markierte Postkarte sah, argwöhnisch und meldete, nachdem er von dem Bombenanschlag in München gehört hatte, die Festnahme von Elser an eine höhere Stelle. Wie auch immer, am nächsten Tag wurde Elser in Handschellen und schwer bewacht mit einem Gefängniswagen zu einem Flugplatz gebracht und nach Berlin geflogen. Bei der Ankunft, immer noch in Handschellen, wurde er in eine Zelle gesteckt und später verhört, wobei er schwer zusammengeschlagen wurde. Er war jedoch so schlau, nichts über den Schwindel zu sagen, der zu seiner Festnahme geführt hatte. Er gab zu, die Bombe in die Säule eingebaut zu haben, leugnete jedoch, Komplizen gehabt zu haben, indem er aussagte, dass seine Tat das Ergebnis seiner eigenen politischen Überzeugungen war und er die Naziherrschaft hasste. Sein Verhör dauerte bis tief in die Nacht, aber mehr konnte nicht aus ihm herausgeholt werden.

Am nächsten Morgen wurde er von einem Gefängniswärter mit dem Fahrstuhl in eines der oberen Stockwerke in einen Raum gebracht, in dem er die beiden Männer vorfand, mit denen alle seine vorangegangenen Abmachungen getroffen worden waren. Sie waren überaus freundlich und mitfühlend und sagten ihm, dass seine Festnahme an der Grenze gänzlich auf der unglücklichen Tatsache beruhte, dass der Beamte, der die Instruktionen hatte, ihn durchzulassen, plötzlich krank geworden und deshalb nicht im Dienst war, als er an der Grenze eintraf; er brauche sich dennoch keine Sorgen machen, alles werde schließlich in Ordnung kommen. Leider könne er nicht sofort freigelassen werden, da sein Foto an die Polizei im ganzen Lande verteilt und auch in der Presse erschienen war. Jeder dachte, dass er eines Anschlags auf das Leben des Führers schuldig war und wenn er seine Nase irgendwo zeigen würde, würde er einfach in Stücke gerissen werden. Denn, wie er sich gut vorstellen könne, war jedermann in Deutschland vom Zorn überwältigt über das heimtückische Attentat, das beinahe Erfolg gehabt hätte. Für die nächste Zeit müsse er sicher untergetaucht bleiben, aber er brauche keine Angst vor weiterer schlechter Behandlung zu haben. Alles machbare würde getan werden, es für ihn angenehm zu gestalten, und sobald sich die erste Aufregung gelegt habe, würde veranlasst werden, ihn in die Schweiz zu bringen, wie versprochen. Er wurde in einen großen Raum im obersten Stockwerk des Gebäudes gebracht, das, wie er später herausfand, das Gestapo Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße war, wo er ein Bett, eine Schreiner-Werkbank und das Werkzeug, das er in Dachau benutzt hatte, vorfand. Zwei Männer blieben bei ihm als Wachen und von da an wurde er niemals mehr für einen Augenblick allein gelassen.

Tatsache ist: Von Konstanz aus kam Elser am Tag nach seiner Verhaftung zunächst nach München. Er gestand dort nach vier Tagen. Erst am 18. November wurde er zur Gestapo nach Berlin verlegt.
Er wurde jedoch nicht belästigt und gut ernährt; nachdem man ihm geeignetes Holz gegeben hatte, machte er sich an die Arbeit und baute sich eine Zither; er konnte sie nicht spielen, aber es war schon immer sein Bestreben, dies zu lernen.

Er blieb hier für etwa vierzehn Tage ungestört, bis er erneut von seinen zwei Freunden besucht wurde, die ihn in einen der Korridore herunterbrachten, wo sie ihm sagten, er solle sich auf eine Bank setzen. Man sagte ihm, ein Engländer werde an ihm vorbeigeführt werden, und er solle diesen sorgfältig anschauen, um sicher zu sein, ihn wiederzuerkennen, falls er ihn nochmals sehen würde. Ein großer finsterer Mann ging, gefolgt von zwei anderen, zweimal an ihm vorüber, offenbar auf seinem Weg zur Toilette und wieder zurück. Ein paar Tage später wurde er an dieselbe Stelle gebracht und ihm derselbe Mann nochmals gezeigt. Danach wurde er in ein Büro gebracht, wo sich ein hochrangiger SS-Offizier in Uniform und ein anderer Mann, offensichtlich ein ehemaliger Student, da sein Gesicht mit Mensuren übersät war, befanden. Dieser Mann sprach nun zu ihm und fragte ihn, ob er begriffen habe, dass sein Leben verwirkt und er nur noch ein Todeskandidat war. Diese Redewendung wurde häufig benutzt. Er hatte bereits der Polizei gestanden, dass er die Bombe in die Säule des Kellers eingebaut hatte und ganz Deutschland wartete gespannt auf die Nachricht seines Prozesses und seiner Hinrichtung. Man hatte ihm aber Leben und Freiheit versprochen und die Gestapo hielt immer ihr Wort; er müsse jedoch noch etwas zusätzliches tun, um sich seine Sicherheit zu verdienen. Man erzählte ihm dann folgende Geschichte:

Die deutsche Wehrmacht hatte bereits in Polen ihre Unbesiegbarkeit bewiesen und nichts konnte England jetzt noch von einer Niederlage bewahren. Nach der Besetzung des Landes durch die siegreiche deutsche Armee müsse er als Zeuge in einem Prozess gegen die Leiter des britischen Geheimdienstes auftreten, der, wie alle Welt wusste, eine Bande von Mördern und Verbrechern und durch seine Falschinformationen der tatsächlich Verantwortliche für den gesamten Krieg war. Bei diesem Gerichtsverfahren würde einer der Hauptangeklagten der Engländer sein, den er bereits gesehen habe: Ein gewisser Captain Best, der vor kurzem festgenommen wurde beim Versuch, Deutschland zu verlassen, wo er spioniert hatte.

Elser würde bei dem Gerichtsverfahren erklären müssen, dass er seit langer Zeit mit Otto Strasser in der Schweiz in Verbindung stand und als sein Kurier nach und von Deutschland agiert habe. Im Dezember 1938 habe Strasser ihn nach Zürich in das Hotel Bauer au Lac beordert, ihn dem Engländer Best vorgestellt und ihm gesagt, er solle künftig für die Briten arbeiten, die entschlossen waren, Hitler los zu werden und die sicherlich mehr erreichen konnten als er selbst. Elser hatte daher seine Befehle künftig von Captain Best entgegenzunehmen, der in Holland lebte, und es wurden Vereinbarungen getroffen, dass sie über die niederländische Grenze miteinander kommunizieren konnten. Der Engländer überreichte Elser tausend Schweizer Franken in Banknoten als Anzahlung.

Während der folgenden Monate hielt er regelmäßigen Kontakt zu Captain Best und handelte als Kurier zwischen ihm und anderen Agenten in Deutschland. Auf diesem Weg erhielt der britische Geheimdienst wertvolle Informationen bezüglich der deutschen Wiederbewaffnung und für diese Arbeit wurde er sehr gut bezahlt. Im Oktober 1939 traf er Captain Best in Holland in einem Ort namens Venlo und erhielt dort Anweisungen, eine Bombe im Bürgerbräukeller in München unterzubringen mit dem Versprechen, wenn er dies tun werde, einen Betrag von 40.000 Schweizer Franken als Belohnung zu erhalten. Zunächst habe er abgelehnt, irgendetwas damit zu tun zu haben, aber Best übte Druck auf ihn aus und ließ ihm keine andere Wahl, als entweder zu tun, was man ihm auftrug, oder an die Gestapo als britischer Agent verraten zu werden. Letztlich stimmte er der Forderung zu und erhielt eine Adresse in Deutschland, wo er seine abschließenden Instruktionen empfangen und die Höllenmaschine erhalten würde. Er sollte dann in seiner Zeugenaussage erklären, wie er etwa vier Wochen vor dem für die Explosion festgelegten Datum zum Bürgerbräukeller ging und wenig Schwierigkeiten dabei hatte, sich dort zu verstecken, um seine Arbeit während der Nacht zu verrichten. Er baute die Bombe in eine der Säulen, wie man ihn instruiert hatte, zog aber nicht die Uhr auf, die den Zünder auslösen sollte, da diese erst zehn Tage später in Gang gesetzt werden konnte. Er war daher genötigt, Ende Oktober dem Keller einen zweiten Besuch abzustatten, um die Uhr ordnungsgemäß aufzuziehen und zu stellen. Er hatte keine Schwierigkeiten, dies zu tun, da er nachmittags hinging, als der Schauplatz ziemlich verlassen war.

Man gab Elser eine Schreibmaschinenkopie dieser Geschichte, die eine Menge weiterer Details über die Arbeit, die er angeblich für Strasser und mich erledigt hatte, beinhaltete und man sagte ihm, er solle dies auswendig lernen. Anschließend wurde er mehrmals geprüft, um zu sehen, ob er es wortgetreu wiedergeben konnte.

Die Geschichte erschien sicherlich sehr seltsam und ich war damals wirklich nicht in der Lage, mir einen Reim darauf zu machen. Was war das Ziel eines erfundenen Attentatsversuchs auf Hitler, das, soweit ich hörte, den Tod einer beträchtlichen Anzahl der Leute, die als Zuhörer zu seiner Rede gekommen waren, als Ergebnis hatte? Ich hätte es verstanden, wenn es nach dem Attentat eine Säuberung in der Partei gegeben hätte, wie sie im Juni 1934 stattfand, aber in Wirklichkeit schien der ganzen Angelegenheit in der deutschen Presse sehr wenig Publizität gegeben worden zu sein. Und obwohl ich Zeitschriften gesehen hatte, in denen Fotos von Stevens und mir direkt neben dem von Elser platziert waren, stand nichts während meiner Verhöre in irgendeiner Weise mit Elsers Geschichte in Verbindung, außer ein paar Fragen, um festzustellen, dass ich die Schweiz im Dezember 1938 besucht hatte. Sich all diese Mühe zu machen, nur um eine Anklage gegen mich zu erheben, schien mir sehr stark mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Wie auch immer, trotz wiederholter Befragungen konnte Elser mir nicht mehr dazu sagen und so musste ich es dabei belassen.

Quelle: Sigismund Payne Best, The Venlo Incident, London 1950

Tatsache ist: Elser konnte Zither spielen. Er spielte regelmäßig im Königsbronner "Hecht" und war auch Mitglied im Zitherclub Konstanz.

Elsers Lebensweg ist inzwischen mit Hilfe von Akten und Zeitzeugen gründlich erforscht und weitgehend rekonstruiert. Bests angebliche Informationen aus erster Hand stehen in fundamentalem Widerspruch zu allen heute bekannten Fakten.

Best liefert allenfalls einen - rein spekulativen, wenn auch nicht unplausiblen - Deutungsversuch auf dem Wissensstand der Jahre unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg. Die vorgespiegelte Authenzität seiner Passagen vom "Hauptdarsteller persönlich" stellt allerdings die Glaubhaftigkeit seiner Memoiren insgesamt in Frage.

Englischer Originaltext
Sigismund Payne Best
Georg Elser und der Rote Frontkämpferbund