Bürgerbräukeller in München nach der Explosion von Georg Elsers Zeitbombe am 8. November 1939.
Quelle: Illustrierter Beobachter 16.11.1939

Die Opfer des Bürgerbräuattentats

Acht Tote und 57 Verletzte, davon fünfzehn schwer

Am 8. November 1939 beendete Adolf Hitler seine Rede im Bürgerbräukeller in München um 21:07 Uhr. Zusammen mit der NS-Führungsspitze und den meisten der insgesamt fünfzehnhundert bis zweitausend Gäste verließ er das Gebäude. Georg Elser befand sich zu diesem Zeitpunkt zweihundert Kilometer weit weg an der Schweizer Grenze in Konstanz. Seine Zeitbombe explodierte exakt zu der von ihm eingestellten Uhrzeit um 21:20 Uhr.


VON PETER KOBLANK (2011, 2026)

Die Explosion verwüstete den Saal, in dem sich zu diesem Zeitpunkt hundertzwanzig bis hundertfünfzig Männer und Frauen aufhielten, die den Saal zum Teil erst nach der Veranstaltung betreten hatten. Es gab acht Tote und 57 Verletzte, davon fünfzehn schwer, zwölf erheblich und dreißig geringfügig. Wer waren diese Opfer?

Die Opfer des Bürgerbräu-Attentats in den Elser-Biografien

Acht Tote

1Maria Henle
30 Jahre, Aushilfskellnerin bei größeren Veranstaltungen im Bürgerbräu, hinterließ Ehemann und zwei kleine Kinder.
2Michael Wilhelm Kaiser
50 Jahre, langjähriger Hitler-Anhänger, SA-Sturmhauptführer (entspricht Hauptmann), Stellv. Führer der NSKK-Motorstandarte 86.
3Emil Kasberger
54 Jahre, langjähriges NSDAP-Mitglied, Flötist beim Gaumusikzug des Traditionsgaus München-Oberbayern, hinterließ Frau und heranwachsende Tochter.
4Franz Lutz
53 Jahre, langjähriger Hitler-Anhänger, SA-Sturmhauptführer (entspricht Hauptmann).
5Leonhardt Reindl
57 Jahre, seit 1923 NSDAP-Mitglied, Inhaber des grünen Dauerausweises für Alte Kämpfer.
6Eugen Schachta
32 Jahre, SA-Mitglied, Haupteinsatzleiter beim Reichsautozug, war im Saal für Auf- und Abbau technischer Apparaturen zuständig, seit elf Monaten verheiratet.
7Michael Schmeidl
73 Jahre, NSDAP-Mitglied, Alter Kämpfer, Oberamtmann a.D., wurde schwer verletzt und erlag ein einige Tage später seinen Verletzungen.
8Wilhelm Weber
37 Jahre, SA-Mitglied, Reichsautozug, war im Saal für Auf- und Abbau technischer Apparaturen zuständig, hinterließ Frau und zwei kleine Kinder.

27 stationär aufgenommene Verletzte

(Fünfzehn schwer und zwölf erheblich verletzt)

1Richard Bachfischer
Elektriker, Neuaubing bei München.
2Anna Blank
Kassiererin, München.
3Josef Böswirth
München, ist erst nach Beendigung der Kundgebung in den Saal gegangen.
4Maria Dietenberger
Kassiererin, München.
5Albert Eckebrecht
Ingenieur beim Reichssender München.
6Zenta Egger
Kassiererin, München.
7Emil Faetsch
Kaufmann in München, Blutordensträger, SA-Regiment München.
8Karl Fischer
Versicherungsangestellter, München, Blutordensträger.
9Anneliese Gawenat
München, hat sich nach Schluss der Kundgebung den Saal angesehen.
10Anton Gruber
Buchbinder, Angehöriger der SA-Schützenstandarte I, ist erst nach Beendigung der Kundgebung in den Saal gegangen.
11Elise Heuschmann
Kassiererin, München.
12Christian Himmler
Techniker beim Reichsautozug.
13Karl Hundt
SS-Unterscharführer (entspricht Unteroffizier), München.
14Bartholomäus Ippisch
SS-Oberscharführer (entspricht Feldwebel), München, beim Mikrofonschutz tätig gewesen.
15Hans Lenz
Ortsgruppenleiter in München-Pasing, Blutordensträger.
16Johanna Liesecke
Kassiererin, München.
17Herbert Müller
Kaufmann, München.
18August Ortner
Lehrer, zur Zeit Soldat, Dunzweiler (Saarpfalz).
19Franz Reder
Wachtmeister (entspricht Unteroffizier) der Wehrmacht in München, Dauerausweis-Inhaber, Kompanie Jungsturm.
20Jakob Royer
Ingenieur, Planegg bei München, Blutordensträger, SA-Regiment München.
21Hildegard Schirmer
Gymnastiklehrerin.
22Wolfgang Schmuckert
Medizinstudent, München.
23Max Schultz
Zahnarzt, München, ist erst nach Beendigung der Kundgebung in den Saal gegangen.
24Theodor Thenn
Kassenführer, München, Blutordensträger.
25Willi Tietz
Aufsichtsbeamter, Berlin-Britz.
26Josef Werberger
Elektromeister, SS-Obersturmführer (entspricht Oberleutnant), München.
27Emil Wipfel
Dipl.-Ing. beim Reichsautozug München.

Dreißig ambulant behandelte Verletzte

Namentlich ist nur die Kellnerin Maria Strobl bekannt, die zu den dreißig ambulant Behandelten mit „unbedeutenden Verletzungen“ gehörte.
Maria Strobl
Kellnerin, München. Interview im Jahre 1959:

Man gibt mir immer wieder Spritzen. Aber die helfen auch nicht. Man hat es schon oft probiert. Das Dröhnen bleibt. Es wird mich immer an diese schrecklichen Minuten von damals erinnern. Solange ich lebe. Die Ärzte glauben auch nicht mehr daran, dass es in meinem Kopf jemals wieder still werden wird.
Die Detonation der Bombe hatte mein Trommelfell zerstört. Meine linke Kopfseite dröhnt seither wie ein Express im Tunnel. Und am Sonntag, am 8. November, sind es genau 20 Jahre, dass dieses Dröhnen begann.
Ich werde an diesem Abend wieder weinen. Weinen um meine Gesundheit, die ich beim Hitler-Attentat im Bürgerbräu-Keller unschuldig verloren habe. mehr...

Quellenangaben

Die „Münchner Neueste Nachrichten“ berichteten am 10. November 1939 über die zunächst sieben Toten.

Dreißig Verletzte konnten bereits nach ambulanter Behandlung mit „unbedeutenden Verletzungen“ nach Hause entlassen werden.

28 Verletzte wurden im Krankenhaus Schwabing, im Krankenhaus r. d. Isar und in der Chirurgischen Klinik stationär aufgenommen. Davon waren sechzehn „schwerverletzt“. Von diesen sechzehn ist Michael Schmeidl ein paar Tage später verstorben und daher bei den nunmehr acht Toten mitzuzählen. Übrig bleiben 27 stationär aufgenommene Verletzte, darunter fünfzehn „schwerverletzt“.

Nach dieser Zählung ergeben sich acht Todesopfer und 57 weitere Verletzte (fünfzehn schwer, zwölf erheblich und dreißig geringfügig). Dies weicht etwas ab von den sonst immer in der Literatur genannten „acht Toten und 63 Verletzten, davon sechzehn schwer“.

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Münchener Neueste Nachrichten 10.11.1939 Vergrößerte Ansicht

Zu Michael Schmeidl (Nr. 7 der acht Toten, Nr. 26 der 28 Verletzten im obigen Presseartikel), der ein paar Tage später seinen Verletzungen erlag, erhielt der Georg-Elser-Arbeitskreis am 20. Februar 2024 vom Institut für Bayerische Geschichte der LMU München per E-Mail folgende Information: Michael Schmeidl wurde am 13. März 1866 in München geboren. Er trat laut eigenen Angaben am 7. August 1923 und abermals am 15. Mai 1925 in die NSDAP ein. Zwischenzeitlich war der in Solln (seit 1938 Stadtteil von München) wohnhafte Schmeidl Angehöriger des Bezirkstages München.

Die Opfer des Bürgerbräu-Attentats in den Elser-Biografien

Wie werden die Opfer in den fünf vorliegenden Elser-Biografien – von Helmut Ortner, Hellmut G. Haasis, Ulrich Renz, Peter Steinbach/Johannes Tuchel sowie Wolfgang Benz – behandelt? Die folgende Zusammenstellung zeigt, dass die Autoren zwar in unterschiedlichem Umfang über die Todesopfer und Verletzten berichten, sich mit deren Schicksal und den menschlichen Folgen des Attentats jedoch kaum kritisch auseinandersetzen.

Keine einzige der fünf Biografien nennt die korrekten Opferzahlen (acht Tote und 57 Verletzte, davon 15 schwer), obwohl sich diese anhand der verfügbaren Quellen ohne größeren Aufwand ermitteln lassen. Stattdessen beschäftigen sich die Autoren ausführlich mit der Frage, welche weltgeschichtlichen Folgen ein erfolgreicher Anschlag möglicherweise gehabt hätte. Die tatsächliche Bilanz des Attentats – acht Tote und 57 Verletzte – tritt dabei in den Hintergrund.

Helmut Ortner

Ortner schreibt auf Seite 34:

Sieben Menschen sind sofort tot. Ein weiterer wird auf dem Transport in das Krankenhaus sterben. Über 60 Menschen sind schwer verletzt.

Das achte Todesopfer, der 73-jährige Michael Schmeidl, starb allerdings nicht auf dem Weg ins Krankenhaus, sondern erlag erst einige Tage später seinen Verletzungen. Über die bloße Nennung der Opferzahlen hinaus setzt sich Ortner mit diesen Menschen nicht auseinander.

Helmut Ortner: Der Attentäter. Georg Elser – der Mann der Hitler töten wollte. Tübingen 1999, (Erstauflage 1989), ISBN 3-931402-50-9.

Hellmut G. Haasis

Auf Seite 31 bis 32 thematisiert Haasis die Kellnerinnen:

Maria Strobl konnte eine Zeitlang nicht mehr hören und erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch. Ein Dauerschaden blieb: in den Ohren ein Rauschen, Tag und Nacht, später wurde das linke Ohr taub. [...]

Von den Kellnerinnen kamen vier ins Krankenhaus. Die Aushilfsbedienung Maria Henle war sofort tot.

Auf Seite 40 bis 41 schreibt er:

Drei Menschen waren sofort tot, vier Verletzte starben bald im Krankenhaus, wo weitere 63 Verletzte behandelt wurden. Am 13. November erlag ein achter seinen Verletzungen. [...]

Außer bei der Aushilfskellnerin Maria Henle (geb. 1909) handelte es sich bei den Getöteten um Mitglieder von NSDAP oder SA. In den Todesanzeigen gaben sich Partei und Angehörige stolz auf diese Träger des „Blutordens“. Viele hatten zum Freikorps Epp und zum Stoßtrupp Adolf Hitler gehört, die 1923 die Republik zerstören und eine Diktatur errichten wollten. Stellvertretend mögen die Todesanzeigen für den 50 Jahre alten Michael Wilhelm Weber gelten. Er sei, wie seine Witwe schrieb, „für seinen geliebten Führer, für sein freies Deutschland“ gestorben. Weber war Inhaber der Großparfümerie „Bavaria“, Parteigenosse, Träger des Blutordens, Träger des EK II und des Bayerischen Militär-Verdienst-Kreuzes, Freikorpskämpfer, Anhänger Hitlers seit 1920, NSKK-Hauptsturmführer und stellvertretender Führer der NSKK-Motorstandarte 86.

Drei der Opfer kamen in der Nähe von Hitlers Pult um, Mitglieder des Reichsautozugs, SA-Hauptsturmführer bzw. Truppführer. Sie waren im Dienst. Nach der damaligen Werteordnung brauchte man Tote im Dienst der Partei nicht zu bedauern, sie wurden in die Reihe der Parteiheroen aufgenommen. Ihr Tod galt als ruhmreicher Beitrag zum Sieg der „Bewegung“. Wie Hitlers Anhänger später beim Staatsakt vom 11. November zu hören bekamen, galt das Unglück des einzelnen nichts, wenn nur der Führer lebte.

Haasis nennt nicht nur die getötete Aushilfskellnerin, sondern schildert auch die schweren und dauerhaften gesundheitlichen Folgen für die verletzte Kellnerin Maria Strobl. Anders als die übrigen Autoren geht Haasis anschließend ausführlicher auf die Todesopfer ein. Er nennt ihre Zugehörigkeit zu NSDAP und SA und beschreibt, wie die Nationalsozialisten die Toten zu Helden der Partei stilisierten. Dabei stellt er den 50-jährigen Michael Wilhelm Weber, der tatsächlich Michael Wilhelm Kaiser hieß, ausführlich vor und erweckt den Eindruck, dessen Lebenslauf sei typisch für die übrigen Todesopfer. Haasis erläutert, weshalb die Toten nach der damaligen nationalsozialistischen Werteordnung nicht als beklagenswert galten. Durch diese Darstellung entsteht der Eindruck, dass die Tötung dieser Menschen durch Elsers Bombe keiner weiteren Auseinandersetzung bedarf.

Hellmut G. Haasis: Den Hitler jag' ich in die Luft. Der Attentäter Georg Elser. Eine Biographie. Berlin 1999, ISBN 3-87134-371-4.

Ulrich Renz

Renz schreibt auf Seite 55:

Acht Menschen fanden den Tod, 63 wurden verletzt. Unter den Toten waren „alte Kämpfer“ der NSDAP und eine Aushilfskellnerin. Sie starb, weil Hitler früher als von Elser berechnet, gegangen war und sie sich gleich wieder an die Arbeit machte. Denn während der Rede des „Führers“ war das Servieren im Saal verboten.

Bei der Aushilfskellnerin erläutert Renz die Umstände ihres Todes und verweist auf Hitlers vorzeitigen Aufbruch sowie das Servierverbot während der Rede. Für die anderen sieben Todesopfer bleibt es bei dem Hinweis, dass sich unter den Toten „alte Kämpfer“ der NSDAP befanden. Eugen Schachta und Wilhelm Weber wurden in der damaligen NS-Presse jedoch weder als „Alte Kämpfer“ noch als langjährige NSDAP-Mitglieder bzw. langjährige Hitler-Anhänger bezeichnet. Mit dem Tod der sieben Menschen setzt sich Renz dagegen nicht weiter auseinander.

Ulrich Renz: Georg Elser. Ein Meister der Tat. Leinfelden Echterdingen 2009, ISBN 978-3-87181-767-0.

Peter Steinbach/Johannes Tuchel

In dieser Biografie heißt es auf Seite 76 bis 77:

Im Raum waren zum Zeitpunkt der Explosion noch etwa 200 Menschen, von denen acht getötet und 63 verletzt wurden, 17 davon schwer. Unter den Toten waren nicht nur „alte Kämpfer“ der NSDAP, sondern auch eine Kellnerin, was Georg Elser vielfach zum Vorwurf gemacht wurde. Er hatte jedoch seinen Zeitzünder nach den Erfahrungen des Jahres 1938 so eingestellt, dass der Sprengkörper während der Rede Hitlers explodieren sollte - zu diesem Zeitpunkt wären keine Kellnerinnen im Saal anwesend gewesen, da das Servieren von Getränken während der Ansprache verboten war. Auch das Vermeiden unschuldiger Opfer war von Georg Elser also mitbedacht worden.

Ähnlich wie Renz erläutern Steinbach und Tuchel die Umstände des Todes der Aushilfskellnerin. Die Kellnerin wird dabei den als „alte Kämpfer“ der NSDAP bezeichneten Todesopfern gegenübergestellt. Eugen Schachta und Wilhelm Weber wurden in der damaligen NS-Presse allerdings nicht so eingeordnet. Die Behauptung von Steinbach und Tuchel, Elser habe bei seiner Zeitplanung auch die Vermeidung unschuldiger Opfer mitbedacht, ist unbelegt. Aus dem Servierverbot lässt sich nicht ableiten, dass Elser es bei seinen Überlegungen berücksichtigt hatte. Zugleich entsteht durch die Gegenüberstellung der Eindruck, die Kellnerin sei ein unschuldiges Opfer gewesen, die anderen sieben hingegen nicht. Deren Tötung wird jedenfalls nicht weiter hinterfragt.

Peter Steinbach/Johannes Tuchel: Georg Elser. Der Hitler-Attentäter. Berlin 2010, ISBN 978-3-89809-088-9.

Wolfgang Benz

Benz zitiert auf Seite 13 aus dem Goebbels-Tagebuch:

8 Tote und 60 Verletzte.

Auf Seite 94 bis 96 geht er ausführlich auf die Kellnerin Maria Strobel ein und schreibt dort zu ihren gesundheitlichen Folgen:

Der Luftdruck hatte Maria Strobl zum Ausgang geschleudert. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, das Trommelfell des linken Ohres war verletzt. An den Folgen litt sie lebenslang.

Anders als Ortner, Renz und Steinbach/Tuchel stellt Benz auch das Schicksal einer Verletzten dar. Mit dem Tod der acht Menschen setzt er sich hingegen nicht näher auseinander.

Wolfgang Benz: Allein gegen Hitler. Leben und Tat des Johann Georg Elser. München 2023, ISBN 978-3-406-80061-0.

Pressestimmen zu den Opfern

Staatsakt am 11.11.1939 für die Opfer des Attentats

Bürgerbräukeller in München

Woran Elsers Attentat auf Hitler scheiterte

Wenn das Elser-Attentat Erfolg gehabt hätte

Dieser Artikel ist Teil der Online-Edition Mythos Elser.