Harro Schulze-Boysen

Rote Kapelle: Widerstand gegen Hitler und Spionage für Stalin

Die Berliner Widerstandsgruppe um den Luftwaffen-Oberleutnant Harro Schulze-Boysen wurde bis in die 1990er Jahre unter dem Begriff Rote Kapelle als ein von Moskau gesteuerter Spionagering wahrgenommen. Inzwischen weiß man, dass es sich um eines der größten Netzwerke von Gegnern des Dritten Reichs handelte, die auf vielfältige Weise Widerstand betrieben. Der harte Kern arbeitete aber in der Tat mit Stalins Nachrichtendiensten zusammen, was dann auch 1942 zur Entdeckung durch die Gestapo führte.


Oberleutnant d.R. Harro Schulze-Boysen.

Flugblätter gegen Hitler und Spionage für den sowjetischen Nachrichtendienst.

Ablehnung des Dritten Reichs und Karriereschub durch Reichsmarschall Hermann Göring auf Bitte der Ehefrau.

Funkverbindungen nach Moskau

Auf persönliche Anordnung Hitlers qualvoller Tod am Fleischerhaken (oben im Hintergrund) statt der bisher üblichen Enthauptung mit dem Fallbeil (rechts im Vordergrund).

Antifaschistischer "Kundschafter" (DDR) und kommunistischer Verräter (BRD).

    

Sowjetischer Rotbannerorden für "bedeutsame Informationen" und Straßen in Ludwigsfelde, Magdeburg, Leipzig, Berlin, Rostock, Duisburg und Kiel.

VON PETER KOBLANK (2014)

Harro Schulze-Boysen (* 2. September 1909 in Kiel; † 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee) war Referent im Reichsluftfahrtministerium und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. 1941 wurde er zum Oberleutnant der Reserve befördert.

Seine Jugend verbrachte er in Berlin und Duisburg, wo er 1928 das Abitur machte. Ab dieser Zeit verwendete er statt seines eigentlichen Namens Schulze den Doppelnamen Schulze-Boysen, indem er den Geburtsnamen seiner Mutter anhängte.

1928 begann er in Freiburg ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften, das er 1929 in Berlin fortsetzte. Politisch engagierte er sich beim Jungdeutschen Orden.

1932 brach er sein Studium ab und wurde Herausgeber und Redakteur der Monatszeitung Der Gegner, die insgeheim von der sowjetischen Botschaft finanziert und 1933 von den Nationalsozialisten verboten wurde. Schulze-Boysen wurde in diesem Zusammenhang von der SA verhaftet, inhaftiert und misshandelt.

Nach seiner Freilassung absolvierte er ab Mai 1933 eine Ausbildung als Seebeobachter an der Deutschen Verkehrsfliegerschule in Warnemünde, einer verdeckt arbeitenden paramilitärischen Ausbildungsbasis für die spätere Luftwaffe.

Ab April 1934 war Schulze-Boysen Hilfsreferent in der Abteilung Fremde Luftmächte des Reichsluftfahrtministeriums in Berlin, wo er ausländische Fachliteratur auswertete. Im März 1936 wurde er zum Gefreiten der Reserve befördert.

Sein fehlender akademischer Abschluss schränkte seine Karrieremöglichkeiten ein. Immerhin wurde er Ende 1936 nach einer Reserveübung zum Unteroffizier der Reserve befördert und nach einer weiteren Übung im April 1937 Offiziersanwärter.

1936 heiratete er Libertas Haas-Heye (* 20. November 1913 in Paris), Pressereferentin der Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). In diesem Zusammenhang ließ er seinen Doppelnamen offiziell eintragen.

Seine Spionagetätigkeit soll er erstmals aufgenommen haben, als er 1938 die sowjetische Botschaft über ein Kommandounternehmen der Abwehr, des militärischen Geheimdiensts der Wehrmacht, im Spanischen Bürgerkrieg informierte, was die Verratenen das Leben kostete.

1935 kam Schulze-Boysen in Verbindung mit Arvid Harnack, einem Regierungsrat im Reichswirtschaftsministerium, der Geheimmitglied der KPD und bereits seit 1932 oder 1935 vom sowjetischen Auslandsnachrichtendienst rekrutiert worden war. In dieser Zeit sammelte sich um Schulze-Boysen eine oppositioneller Freundeskreis.

Nachdem seine Frau Libertas den Reichsminister der Luftfahrt Hermann Göring als Fürsprecher gewonnen hatte, wurde Schulze-Boysen 1939 zum Leutnant und 1941 zum Oberleutnant der Reserve befördert.

1940 absolvierte er ein Fernstudium an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität mit dem Ziel der Promotion, das er aber im Januar 1941 wegen seiner Verwendung im Luftwaffenführungsstabs in Potsdam-Wildpark abbrechen musste.

Ab Frühjahr 1941 gab Schulze-Boysen militärische Informationen an den sowjetischen Auslandsnachrichtendienst weiter. Inzwischen arbeitete er in Wildpark-West bei Potsdam, wo sich das Hauptquartier der Luftwaffe und der Sitz des Oberbefehlshabers der Luftwaffe befanden. In der Attachégruppe des Luftwaffenführungsstabs bearbeitete er die Berichte der an den Botschaften tätigen Luftwaffenattachés und bekam Zugang zu geheimen Dokumenten. Ab Dezember 1941 arbeitete er wieder im Reichsluftfahrtministerium.

Gleichzeitig baute er einen Widerstandskreis auf, der nach dem Krieg Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe genannt wurde, zu dem schließlich über hundertfünfzig Hitlergegner gehörten. Sie verteilten Flugblätter, brachten Parolen an Gebäuden an, veranstalteten Schulungen zu Fragen des Kommunismus und unterstützten Verfolgte.

Das über Belgien, Frankreich, die Niederlande, Schweiz und Deutschland gespannte sowjetische Spionagenetz, wurde von der Abwehr und der Gestapo Rote Kapelle genannt. Der Begriff Rote Kapelle entstand, weil man in der Geheimdienstsprache die Funker, die mit Kurzwellensendern morsten, Pianisten nannte. Mehrere Pianisten formten eine Kapelle, also war dieser kommunistische Spionagering eine Rote Kapelle.

Die Berliner Rote Kapelle bestand überwiegend aus Mitgliedern der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe.

Schulze-Boysen stand mit beiden Geheimdiensten der UdSSR in Verbindung: Mit dem Auslandsnachrichtendienst des NKWD (Februar bis Juli 1941 NKGB) unter dem Decknamen Starschina (dt.: Feldwebel) und mit dem Militärnachrichtendienst GRU unter dem Decknamen Choro (ähnlich, wie man auf russisch Harro ausspricht).

Der genaue Umfang der durch seinen Agentenring nach Moskau weitergegebenen Nachrichten und der tatsächliche Effekt dieses Geheimnisverrats auf den Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurden bisher noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet.

Im Juli 1942 wurde ein im August 1941 von Moskau nach Brüssel gesendeter Funkspruch durch die Gestapo dechiffriert, in dem Schulze-Boysens Name und Adresse standen. Am 31. August 1942 wurde er wegen Hochverrat (Versuch, die Regierung zu stürzen) und Landesverrat (Spionage für das Ausland) verhaftet.

Am 19. Dezember wurde Schulze-Boysen vom Reichskriegsgericht wegen Vorbereitung zum Hochverrat, Kriegsverrats, Zersetzung der Wehrkraft und Spionage zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee erhängt. Seine Frau Libertas wurde am selben Tag enthauptet.

Zwischen August 1942 und März 1943 wurden weit über hundert Mitglieder verhaftet. 57 der Verhafteten, darunter 19 Frauen, verloren ihr Leben, wobei der Großteil nach einem Todesurteil des Reichskriegsgerichts oder des Volksgerichtshofs hingerichtet wurde. Einige begingen Selbstmord, bei anderen ist die Todesart ungeklärt. Über siebzig Prozent der 57 Toten waren Kommunisten.

Die UdSSR verlieh 1969 Harro Schulze-Boysen posthum den militärischen Rotbannerorden, weil er "zur Verstärkung des Widerstandskampfes gegen Hitlerdeutschlands" bereit gewesen war, "die Sowjetunion als Kundschafter zu unterstützen".

Die Vorstellung, die Berliner Widerstandskämpfer seien nichts anderes als von der Sowjetunion angeheuerte Landesverräter gewesen, bestimmte bis in die 1990-er Jahre die Sicht auf die Rote Kapelle: Während sie in der Bundesrepublik Deutschland als kommunistische Spione verachtet wurden, galten sie in der DDR - allerdings erst ab Ende der 1960-er Jahre - als antifaschistische "Kundschafter des Volkes" und Helden.

Inzwischen weiß man, dass es sich um ein politisch links orientiertes, aber keineswegs von der KPD gesteuertes, heterogenes Netzwerk von Hitlergegnern handelte, die auf vielfältige Weise Widerstand betrieben.

Ein Teil von ihnen, möglicherweise weniger als die Hälfte, sammelte jedoch in der Tat gemeinsam mit Schulze-Boysen und Harnack, nach denen die Gruppe nicht zu Unrecht genannt wird, systematisch Informationen für Stalins Nachrichtendienste.

Bis heute ist es für viele Menschen ein Rätsel, wie sich jemand guten Gewissens in den Dienst eines fremden Spionageapparates stellen konnten, warum Schulze-Boysen das Heil bei einem totalitären Staat suchte, der mit seinem Terrorsystem, seinen rigiden Schauprozessen und seinen Millionen politischen Opfern dem Nationalsozialismus letztlich gar nicht so unähnlich war.

Dokumentation

Kommentare

  
Bei Kriegsausbruch werden die besten Kämpfer in der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack zur Nachrichtenarbeit eingeteilt. Tatsächlich wird aber zwischen dem Netz der Roten Kapelle und ihrer Widerstandstätigkeit keinerlei strikte Trennung vorgenommen. Schulze-Boysen leitet beide. Diese unbestimmte Abgrenzung der Aufgaben stellt einen unverzeihlichen Fehler dar, der sich noch bitter rächen wird.

Die Tätigkeit der Widerstandsgruppe bleibt in der Reichshauptstadt nicht unbemerkt: Verteilung von Flugblättern, Ankleben von Anschlagzetteln, Verbreitung einer Zeitung in fünf Sprachen, Die innere Front, unter den Kriegsgefangenen. Aber die Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Propaganda: Es werden Fluchtwege für die Juden und die Gefangenen ausgebaut, Kontakte mit Fremdarbeitern aufgenommen, in vielen Unternehmen Gruppen eingeschleust, welche unauffällig die Kriegsproduktion sabotieren. Eine der spektakulärsten Initiativen galt der von Goebbels' Dienststellen organisierten Ausstellung "Das Sowjetparadies". [...]

Schulze-Boysen tritt faktisch erst 1941 mit dem sowjetischen Nachrichtendienst in Verbindung. Er hat schon seit 1936 eine gewisse Erfahrung erlangt, indem er dem sowjetischen Botschafter die Liste der nationalsozialistischen Agenten übermittelte, die sich in die Internationalen Brigaden in Spanien einschmuggelten. [...]

Die eigentliche Gruppe, die sich ausschließlich dem militärischen Nachrichtendienst widmen sollte, wurde 1941 von Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack gebildet. Wenn man die Liste der Verhafteten sorgfältig untersucht, stellt man fest, dass nicht mehr als 20 bis 25 Menschen dazugehörten. Die elementarsten Regeln der Konspiration hätten nun verlangt, dass die Gruppe strengstens von allen anderen Gruppen des inneren Widerstands, sei es in der Leitung oder der Mitarbeit, abgetrennt würde. Aber das Unglaublichste geschah: Als offizielle Vertreter der KPD wurden die bekannten illegalen kommunistischen Militanten Wilhelm Guddorf und John Sieg in die Leitung der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack integriert.

Ungeachtet ihrer neuen Aufgaben leiteten Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack weiter gemeinsam mit John Sieg und Wilhelm Guddorf, Walter Husemann, Herbert Grasse und anderen führenden Kommunisten die Aktionsgruppen des inneren Widerstands. [...]

Bis Ende Oktober 1942 fielen über 130 Menschen in die Hände der Gestapo. Wer waren diese Leute?

Ungefähr 25 Menschen hatten direkt oder indirekt der Nachrichtendienstgruppe von Schulze-Boysen/Harnack angehört; alle acht Fallschirmspringer; zehn Leute, die sich seit 1930 am sowjetischen Nachrichtendienst beteiligten, aber nichts mit der Roten Kapelle zu tun hatten. Diese Leute waren seit 1937 ohne Verbindung zur Zentrale in Moskau. Erst nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges nahm die Zentrale über die Vermittlung der Roten Kapelle wieder Kontakt zu ihnen auf, was wiederum für die Angehörigen der Roten Kapelle eine zusätzliche Gefahr bedeutete. Alle anderen Verhafteten hatten nichts mit der Arbeit des Nachrichtendienstes zu tun, sondern bildeten allgemeine Widerstandsgruppen gegen den Nazismus.


Leopold Trepper: Die Wahrheit. Autobiographie des "Grand Chef" der Roten Kapelle. Freiburg 1995, S. 100 f, S. 135, S. 137 f (Erstveröffentlichung Le Grand Jeu, Paris 1975)
  
Hauptfigur war aber der Oberleutnant Schulze-Boysen, die fanatischste Triebkraft des Berliner Spionagerings. Er lieferte nicht nur wichtiges Informationsmaterial an den Feind (er hatte das Referat Abwehr im Luftfahrtministerium inne), er war überdies noch propagandistisch tätig. [...]

Natürlich interessierten uns auch die Motive dieser Intellektuellen. Geld war für sie unwichtig.

Wie aus den Vernehmungsprotokollen ersichtlich, beschränkte sich ihr Widerstand nicht auf die Bekämpfung des Nationalsozialismus schlechthin, sie hatten sich zum Teil von der Geisteshaltung des von ihnen krank empfundenen Westens soweit abgekehrt, dass sie das Heil der Menschheit überhaupt nur noch im Osten sahen.


Walter Schellenberg: Aufzeichungen. Die Memoiren des letzten Geheimdienstchefs unter Hitler. München 1979, S. 251 f (Erstveröffentlichung London 1956)
  
Die Gruppe ging immer mehr dazu über, einzelne Mitglieder mit neuen Spezialaufgaben zu beauftragen. So hatte Dr. John Rittmeister die Aufgabe, ausländische Sender abzuhören. Diese Nachrichten wurden bei Kursen, in Flugblättern und bei der Zeitschrift "Die Innere Front" verwendet.

Der Krieg im Äther spielte im letzten Kriege eine große Rolle. Auch die Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack hat versucht, mit ihren Sendungen das deutsche Volk von der Aussichtslosigkeit und dem Verbrechen des Krieges zu überzeugen. Sie wollten den demokratisch gesinnten Menschen anderer Völker beweisen, daß die Stimme der Freiheit, der Menschenwürde und Menschenachtung, trotz Hitlerterror und Verfolgung im deutschen Volkes nicht völlig verstummt war.

So führten sie einen heroischen Kampf im Interesse Deutschlands, sich stets ihrer Aufgabe bewußt, die Menschheit von der Qual des Krieges zu erlösen ihrem eigenen Volke Frieden und Glück wiederzugeben, ihr eigenes Glück nicht achtend, bis zu dem Tage, an dem es der Gestapo gelang, auf ihre Spuren zu kommen und damit der Tätigkeit der meisten Mitglieder ein jähes Ende zu bereiten.


Klaus Lehmann (Bearbeiter): Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack, Zentrale Forschungsstelle der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN, Berlin 1948, S. 15 f. Faksimileausgabe der Seiten 3 bis 27 und 86 bis 88. PDF 1,7 MB

Diese erste ausführliche Veröffentlichung über die Schulze-Boysen-Harnack-Gruppe stammt von der kommunistisch gelenkten VVN. Die Spionagesender, die vom sowjetischen Nachrichtendienst zur Verfügung gestellt worden waren, werden hier in Geräte umgedeutet, die "mit ihren Sendungen das deutsche Volk" aufklären sollten. Dies zeigt, dass man sich zur Spionage für Stalin nicht bekennen wollte, weil diese mit den damals gängigen moralischen Maßstäben nicht in Einklang zu bringen war.

  
Die Verschworenen der "Roten Kapelle" sind nach 1945 in der russisch besetzten Zone Deutschlands als Helden des Widerstands gefeiert worden – mit gutem Grund. Aber mit "deutschem Widerstand" hatte diese Gruppe offenbar nichts zu tun; man sollte darüber keinen Zweifel lassen. Sie stand ganz eindeutig im Dienst des feindlichen Auslandes. Sie bemühte sich nicht nur, deutsche Soldaten zum Überlaufen zu bewegen, sondern verriet wichtige militärische Geheimnisse zum Verderben deutscher Truppen. [...]

Die "Rote Kapelle" wollte Rußlands Sieg, um mit russischer Hilfe in Deutschland einen kommunistischen Staat nach sowjetrussischem Muster zu erreichen – einen Staat, den die überwältigende Mehrheit der Deutschen sich nur mit Gewalt hätte aufzwingen lassen und der schon diesem seinem Ursprung nach ein sowjetrussischer Vasallenstaat hätte werden müssen, so gut wie heute Polen und die Tschechoslowakei. Von deutscher Freiheit war dann keine Rede mehr, und so bleibt diese kommunistische Opposition von dem Kreise Goerdelers, aber auch der deutschen Sozialdemokratie durch Welten getrennt – auch wenn ihnen das allernächste Ziel, der Sturz Hitlers, gemeinsam war.


Gerhard Ritter: Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung. Stuttgart 1954, S. 103 f
  
In der Tat steht außer Frage, daß ein Teil der Mitglieder mindestens in laufender Fühlung mit den Sowjets war und sie im Krieg, bis die Aufdeckung ihres Geheimdienstes im August 1943 erfolgte, über einen Sender mit militärischen Informationen versorgt hat. Das sollte in keiner Weise verwischt werden. Aber ebensowenig ist die summarische Abschüttelung der Männer und Frauen diesen Kreises als bloße Kreml-Agenten und daher nicht zum Bereich der echten Opposition gehörig am Platze.


Hans Rothfels: Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung. Frankfurt/Hamburg 1958, S. 17 (stark revidierte Auflage gegenüber der Erstauflage 1949)
  
Bei der Vernichtung fanden 118 Verhaftungen statt. Damit war sowohl der "innere Kreis", der sich mit dem Widerstand gegen das NS-Regime im Lande befaßte ("Hochverratsgruppe") und dessen 42 Vertreter wegen Hochverrats angeklagt wurden, zerschlagen, als auch der "äußere Kreis", der Funk-Kontakt mit dem Ausland hatte ("Landesverratsgruppe") und von dem vier Mitglieder eine Anklage wegen Landesverrats erhielten. Die anderen erhielten verschiedene Anklagen.

Es ist eine Tatsache, daß die meisten Mitglieder des "inneren Kreises" nicht einmal etwas von der Existenz des "äußeren Kreises" ahnten. Es ist eine weitere Tatsache, daß der "innere Kreis" der weitaus ältere war, da er sich bereits 1936 bildete, während der "äußere Kreis" etwa 1940 seine Arbeit begann. Er setzte sich nur zum Teil aus bisherigen Mitgliedern zusammen, die damals von Schulze-Boysen einzeln und ohne Wissen der anderen für ihre neuen Aufgaben herangezogen wurden. Während die Flugblattarbeit etwa 1941 aufhörte, begann der "äußere Kreis" die Senderarbeit. [...]

Es scheint ab 1941 ein regelmäßiger Funkverkehr des "äußeren Kreises" mit belgischen und russischen Stellen stattgefunden zu haben, bei dem Nachrichten wirtschaftlicher oder militärischer Art durchgegeben wurden. Diese Funknachrichten sind anscheinend aus Berliner Wohnungen und von einem Segelboot gesendet worden.


Günther Weisenborn: Der lautlose Widerstand. Bericht über die Widerstandsbewegung des deutschen Volkes 1933-1945. Hamburg 1962, S. 189 und 198 (Erstveröffentlichung Hamburg 1953)

Weisenborn wurde im September 1942 als Unterstützer der Roten Kapelle verhaftet und vom Reichskriegsgericht zu zehn Jahren Festungshaft verurteilt. Mit dem Konstrukt eines "inneren" und eines "äußeren Kreises" stellt er die Tatsachen auf den Kopf, da die Spionagetätigkeit in Wirklichkeit aus dem Zentrum um Schulze-Boysen und Harnack, die er zu Recht als "die beiden Leiter der Widerstandsorganisation" (S. 190) bezeichnet, heraus betrieben wurde.

Es mag sein, dass etliche Mitglieder der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe von den nachrichtendienstlichen Aktivitäten nichts gewusst haben und diese vielleicht auch nicht gebilligt hätten. Dies gilt allerdings nicht für Weisenborn. 1969 wurde ihm vom Präsidium des Obersten Sowjets der postum der Orden des Vaterländischen Krieges Erster Stufe verliehen. Hierzu berichtete das SED-Organ Neues Deutschland am 23. Dezember 1969 auf Seite 5: "Er hatte von den Funkverbindungen einiger Mitglieder der illegalen Gruppe zu sowjetischen Organen Kenntnis und lieferte dafür Berichte und Informationen."

  
Laut Günther Weisenborn hatte sich die Gruppe "von Konservativen bis zu den Kommunisten" erstreckt, und Ernst von Salomon entdeckte in ihr sogar "junge Leute aus guten Positionen, Ministerialräte und SS-Offiziere". Falk Harnack, nimmermüder Apologet seines hingerichteten Bruders, konstruierte "breite und feste Querverbindungen zu der Gruppe '20. Juli' sowie Auslandsbeziehungen zu allen Großmächten".

Mit solchen Bemühungen wird der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack ein politisches Vorzeichen aufgedrängt, das sie nie getragen hat. Sie war ein Zusammenschluss junger Kommunisten, Marxisten und linker Pazifisten, sie rekrutierte sich aus der Arbeiterschaft und der linksintellektuellen Künstlerschaft, sie hatte sich – nicht ohne sektiererische Untertöne – zum kompromisslosen Kampf gegen die Nazidiktatur entschlossen, aber sie war schwerlich repräsentativ für den deutschen Nonkonformismus im Dritten Reich.

In der Gruppe war weder die sozialdemokratische Arbeiterschaft vertreten noch jener preußischer Adel, der am 20. Juli 1944 gegen die braunen Emporkömmlinge revoltierte; in ihr saßen nicht die Repräsentanten des liberalen Bürgertums, fand kein Berufsoffizier, kein Gewerkschaftler, kaum ein Beamter seine geistige Heimat.


Heinz Höhne: ptx ruft moskau. Die Geschichte des Spionageringes "Rote Kapelle". 7. Fortsetzung. Das Ende der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack. In: Der Spiegel 28/1968 (8. Juli 1968), S. 70. PDF 1,3 MB
  
Bis ins Jahr 1967 schwieg die DDR über die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Berliner Gruppe, vermutlich aus Angst, damit den "Revanchisten" der anderen Seite neues Material für die abgedroschene Dolchstoßlegende zu liefern, die den Sieg der Wehrmacht verhindert habe.

Man sprach nur von den politischen Aktivitäten der Gruppe im Untergrund, von der Verbreitung von Broschüren, Aufrufen und einer alle zwei Wochen erscheinenden Zeitung; Schulze-Boysen wurde auf einen heldenhaften Verteiler von Flugblättern reduziert, die Arbeit seiner Gruppe als eine politische Agitation von zweifelhafter Wirksamkeit dargestellt. Nach 1967 änderte sich das.


Gilles Perrault: Auf den Spuren der Roten Kapelle. Wien/Zürich 1990, S. 542 (Erstveröffentlichung L'Orchestre rouge, Paris 1967)
  
Die Organisation Harro Schulze-Boysen/Arvid Harnack nimmt einen besonderen Platz in der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung ein, nicht nur weil sie zahlenmäßig stark war, sondern auch weil sich in ihr zum entschlossenen Kampf gegen den deutschen Faschismus Vertreter der verschiedenen Klassen und Schichten der deutschen Bevölkerung vereinigten: Kommunisten und Parteilose, Gläubige und Atheisten, Arbeiter und Ingenieure, Schriftsteller und Beamte, Soldaten, Offiziere, Hausfrauen.

Diese Organisation war eine leuchtende Verkörperung der Ideen der einheitlichen antifaschistischen Front, für die die Kommunistische Partei Deutschlands unter der Führung von Ernst Thälmann kämpfte. [...]

Schon über die ersten Pläne Hitlers eines militärischen Überfalls auf die UdSSR informierten die Führer der Organisation unverzüglich die Vertreter der Sowjetunion. Im folgenden berichteten die Führer der Organisation alles, was über die Vorbereitungen Nazideutschlands für den Überfall auf die UdSSR bekannt wurde, nach Moskau. All das war ein großer Beitrag zu der großen Sache der späteren Zerschlagung des Nazismus.


Hohe sowjetische Orden für antifaschistische Widerstandskämpfer. Botschafter Abrassimow überreichte die Auszeichnungen. In: Neues Deutschland, 23. Dezember 1969, Seite 1f
  
Der junge Offizier [Harro Schulze-Boysen] bediente sich kaum der dem Marxisten gebräuchlichen Begriffe, und doch war, was er sagte, dem marxistischen Denken gemäß. [...]

Immer wieder hörte ich von Schwierigkeiten bei den Funksendungen wie beim Empfang. Als sich im November die Offensive auf Moskau konzentrierte, konnten besonders Schulze-Boysen und Harnack selbst ermessen, wie wichtig genaue, überprüfte Informationen waren. [...] Eines Tages nahm mich mein Mann mit hinaus auf den Dachgarten. "Arvid hat darauf bestanden, dass ich dich einweihe. Es kann sein, dass plötzlich ein Genosse aus dem Ausland vor der Tür steht. Brüssel ist unterrichtet worden, dass jemand bei uns die Technik in Ordnung bringen müsse. Wir müssen den Nachrichtenfluss sicherstellen. In dem Funkspruch nach Brüssel sind unsere Namen angegeben, Harnacks, Schulze-Boysens und unserer - auch deiner." [...]

Plötzlich hörten wir, daß eine Gruppe junger Kommunisten, die Gruppe Baum, am 15. Mai 1942 Feuer gelegt hätte an die "Sowjet-Paradies"-Ausstellung. Zu ihnen gehörten vor allem auch solche, die von den Nazis als "Juden" oder "Halbjuden" bezeichnet wurden, frühzeitig den Klassencharakter des Rassismus erkannt und den Kampf gegen den Faschismus konsequent fortgesetzt hatten.

Die Genossen wurden, wie sich später herausstellte, von einem Spitzel verraten und verhaftet. Täuscht mich meine Erinnerung nicht, so kam Harro Schulze-Boysen zu jener Zeit der Gedanke, besonders in der Nähe der Lustgartenausstellung eine Klebeaktion mit Handzetteln durchzuführen:

Ständige Ausstellung
Das NAZI PARADIES
Krieg Hunger Lüge Gestapo
Wie lange noch?

Arvid hatte kurz nach dem Gerücht von der "Brandstiftung" meinen Mann und mich gebeten, die Ausstellung nochmals zu besuchen. Wir kannten sie schließlich, hatten gesehen, wie die Besucher darauf reagierten. Wir sollten nun herausfinden, ob sich eine Wandlung in der Stimmung der Besucher vollzogen habe. Sie war noch gehässiger, noch feindlicher als zuvor - wir hatten eigentlich eine Steigerung kaum für möglich gehalten. Von der Brandstelle war wenig zu sehen, aber wie ein Lauffeuer war das Gerücht verbreitet: Juden haben versucht, die Ausstellung anzustecken - sie können die Wahrheit nicht vertragen. Uns schien diese Zettelklebeaktion gerade zu jener Zeit, als sich Harro wie alle diejenigen, die mit der Nachrichtenübermittlung - inhaltlich oder technisch - zu tun hatten, darauf konzentrieren mußten, nicht besonders glücklich.


Greta Kuckhoff: Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle. Berlin (Ost) 1972 S. 227, 308 und 320 f

Bereits 1948 hat Greta Kuckhoff einen Artikel mit dem Titel Rote Kapelle verfasst, der jedoch äußerst nebulös war.

Widerstand gegen Hitler: Beispiele

Flugblatt - Winter 1941/42
Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk 6 Seiten. PDF 1,4 MB – Es ist mit AGIS unterzeichnet in Erinnerung an den Spartanerkönig Agis IV.

Flugblatt - Anfang 1942
Offne Briefe an die Ostfront – 8. Folge – An einen Polizeihauptmann 5 Seiten. PDF 0,9 MB


Klebezettel - Mai 1942
Die Reichspropagandaleitung der NSDAP vom 8. Mai 1942 bis 21. Juni 1942 zeigte im Berliner Lustgarten die Propagandaausstellung Das Sowjetparadies, die nach offiziellen Angaben von 1,3 Millionen Menschen besucht wurde. Die Gruppe um Harro Schulze-Boysen verklebte an die tausend Zettel mit der ironischen Aufschrift "Das Nazi-Paradies" in ganz Berlin. Eine jüdisch-kommunistische Untergrundgruppe um Herbert Baum verübte am 18. Mai 1942 einen Brandanschlag auf diese Ausstellung.


Im DDR-Spielfilm KLK an PTX - Die Rote Kapelle sieht man KPD-Funktionär John Sieg (Darsteller: Günther Simon) bei der "Nazi-Paradies"-Klebeaktion.


Kommunistische Zeitung - August 1942
Die innere Front – Kampfblatt für ein neues freies Deutschland Nr. 15 11 Seiten. PDF 2,2 MB

Spionage für Stalin: Beispiele

  
Der Gang der Ereignisse verlangt von der Residentur dringend die Gewinnung neuer wertvollen Quellen und die Vervollkommnung der Arbeit mit den bisherigen. Äußerst wünschenswert ist ein unmittelbarer Kontakt zu Starschina. Vereinbaren Sie mit Korsikanez und klären Sie, ob Stepanow mit ihm selbst Kontakt aufnimmt oder durch Vermittlung von Arvid. Das Gespräch mit Starschina über die Zusammenarbeit mit uns sollte zweckmäßiger Weise im Beisein von Korsikanez geführt werden. Wir schlagen auch vor, die Verbindung zu Lutschiski aufzunehmen und ihn an seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit aus dem Jahr 1935 zu erinnern.
Auftrag des NKGB von Moskau an die NKGB-Residentur in der Sowjetischen Botschaft in Berlin - 15. März 1941
  
Letzten Donnerstag brachte uns Korsikanez mit Starschina zusammen. Starschina ist sich völlig bewusst, dass er es mit einem Repräsentanten der Sowjetunion - und nicht der Partei - zu tun hat. Er erweckte den Eindruck, dass er voll und ganz bereit ist, mir alles zu erzählen, was er weiß. Meine Fragen beantwortete er, ohne auszuweichen oder etwas verbergen zu wollen. Mehr noch: Er hatte sich auf unser Treffen gut vorbereitet und auf einem Blatt Papier gewisse Punkte notiert, die an uns zu übermitteln seinen. [...]

Korsikanez bat uns dringend zu akzeptieren, dass Starschina ein - wie er es ausdrückte - leidenschaftlicher Dekabrist ist, der auf keinen Fall den Eindruck bekommen darf, dass seine Parteiarbeit, die er sehr hoch schätzt, zu reiner Spionage degeneriert. [...]


Bericht von Alexander Korotkow alias Alexander Erdberg (Mitarbeiter des NKGB in der Sowjetischen Botschaft) von Berlin nach Moskau an den Auslandsnachrichtendienst des NKGB - 31. März 1941
Abgesehen von den Besatzungstruppen befindet sich die einzige aktive Division zur Zeit in Belgien - ein weiterer Beleg dafür, daß der Plan einer Invasion der Britischen Inseln vorerst aufgegeben wurde. Die deutschen Truppen konzentrieren sich im Osten und Südosten.
Bericht von Alexander Korotkow alias Alexander Erdberg (Mitarbeiter des NKGB in der Sowjetischen Botschaft) von Berlin nach Moskau an den Auslandsnachrichtendienst des NKGB - März 1941
Nach einer Mitteilung Starschinas werden in deutschen Regierungs- und Militärkreisen die Ereignisse in Jugoslawien als außerordentlich ernst aufgefasst. Der Luftwaffenstab ist an der aktiven Vorbereitung von Aktionen gegen Jugoslawien beteiligt, die in nächster Zeit folgen sollen. Deshalb bearbeitet der Luftwaffenstab statt der russischen Frage jetzt Jugoslawien.

Im Stab der Luftwaffe wird davon ausgegangen, dass die militärischen Operationen gegen Jugoslawien etwa 3-4 Wochen in Anspruch nehmen werden. Dadurch verschiebt sich der Angriff auf die Sowjetunion. Damit entsteht die Befürchtung, daß der Moment der Aktion gegen die Sowjetunion verpasst werden könnte.

Im Ergebnis der Ereignisse und des Umsturzes in Jugoslawien haben die Deutschen vollständig die vorbereitete Operation gegen Griechenland verschoben. In Griechenland sind bis zu 90000 Mann der englischen Streitkräfte mit Flugzeugen und Panzern eingetroffen, was Besorgnis im Stab der Luftwaffe hervorrief. Starschina erklärte, dass ihm nicht bekannt sei, ob die Ereignisse in Jugoslawien einen Aufschub des Angriffs gegen die Sowjetunion nach sich ziehen werden oder nicht.


Bericht von Alexander Korotkow alias Alexander Erdberg (Mitarbeiter des NKGB in der Sowjetischen Botschaft) von Berlin nach Moskau an den Auslandsnachrichtendienst des NKGB - April 1941
Die Atmosphäre verschärft sich zunehmend und erfordert eine angemessene Reaktion unserer Seite. Für den Fall des Abbruchs der Verbindung organisieren Sie die Übergabe des Funkschlüssels, der Funkgeräte und eine Geldsumme bis zu 60000 Mark an Korsikanez und Starschina. Die Funkgeräte schicken wir mit der nächsten Sendung.
Auftrag des NKGB von Moskau an die Berliner Residentur in der Sowjetischen Botschaft in Berlin - 30. April 1941
Wir müssen Moskau eindringlich darauf hinweisen, daß der Angriff gegen die Sowjetunion beschlossene Sache ist. Der Angriff soll in allernächster Zeit erfolgen. Im Generalstab der deutschen Luftwaffe werden die Vorbereitungen mit größter Eile vorangetrieben. In Gesprächen mit Stabsoffizieren wird häufig der 20. Mai als Datum des Kriegsbeginns genannt. Andere meinen der Kriegsangriff sei für Juli geplant.
Bericht von Alexander Korotkow alias Alexander Erdberg (Mitarbeiter des NKGB in der Sowjetischen Botschaft) von Berlin nach Moskau an den Auslandsnachrichtendienst des NKGB - Mai 1941
Trotz der Protestnote der sowjetischen Regierung [vom 23. April 1941] überfliegen deutsche Aufklärungsflugzeuge auch weiterhin sowjetisches Territorium. Mittlerweile werden die Luftaufnahmen aus einer Höhe von 11000 Meter angefertigt und die Aufklärungsflüge mit größter Vorsicht durchgeführt.
Bericht von Alexander Korotkow alias Alexander Erdberg (Mitarbeiter des NKGB in der Sowjetischen Botschaft) von Berlin nach Moskau an den Auslandsnachrichtendienst des NKGB - Mai 1941
In einem Tagesbefehl des OKW vom 7. Mai an den Stab der Luftwaffe heißt es, der Feind habe von den Plänen und der strategischen Aufklärung Wind bekommen. Starschina erklärt diesen Tagesbefehl auf Grund der Aufklärungsflüge deutscher Flugzeuge über sowjetischem Territorium und der Protestnote der sowjetischen Regierung.
Bericht von Alexander Korotkow alias Alexander Erdberg (Mitarbeiter des NKGB in der Sowjetischen Botschaft) von Berlin nach Moskau an den Auslandsnachrichtendienst des NKGB - Mai 1941
Sachar [Sacharowitsch Kabulow, Leiter der Berliner NKGB-Residentur] teilt mit, dass Tenor am 7. Juni zur Armee einberufen wurde. Starschina schlägt vor, an seiner Stelle Hans als Funker einzusetzen. Coppi Hans ist ein alter Jungkommunist, hat ein Jahr im Gefängnis gesessen. S und T charakterisieren ihn als "bewährten Menschen". Sie nehmen an, dass er die Aufgabe übernehmen wird. Er bittet um unsere Meinung.
Bericht von Trubetzkoj (Mitarbeiter des NKGB) - 12. Juni 1941
Wir schicken das Buch "Der Kurier aus Spanien" für die Ihnen bekannte Nachrichtenverbindung. Das zweite Exemplar werden wir Hans (im weiteren Klein) übergeben. Mit Klein haben wir gesprochen. Er ist einverstanden, die Angelegenheit zu übernehmen, und heute abend soll Akim beginnen, ihn einzuweisen. Ebenfalls heute soll Klein die von ihm gestern mit Starschina ausgearbeiteten Vorschläge zur Organisation der Arbeiten und zur Wohnung für die Aufbewahrung vorlegen. [...] Voraussichtlich wird Klein mit Lutschiski in Verbindung stehen und über ihn mit Korsikanez und Starschina.
Brief von Trubetzkoj (Mitarbeiter des NKGB) - 17. Juni 1941
Auskunft

Aus Berlin wird mitgeteilt, daß sich ein Funkgerät zeitweilig bei Starschina, ein anderes bei einer Frau aus der Gruppe S befindet. Der Funkschlüssel ist mit Korsikanez durchgearbeitet worden mit Ausnahme der Rückübersetzung von Buchstaben in Ziffern bei der Entschlüsselung. Bei Korsikanez befindet sich vorübergehend eine deutsche Kurzbeschreibung über die Regeln des Funkverkehrs.

In diesen Tagen soll Stepanow sich mit Hans in Verbindung setzen. Wenn sich die Meinung von Starschina, der ihn schnell geprüft hat, als richtig erweist, dann wird mit Hilfe von Akim die Einweisung von Hans vorgenommen. Korsikanez wird mit der Funkstelle über Lutschisti verbunden sein. Korsikanez übernimmt die Sammlung von Informationen, die Verschlüsselung und die Kontrolle der Funkens, weigert sich aber, an der Organisation der Funkstelle persönlich teilzunehmen.

Es ist zwecklos, mit ihm darüber und über die Nutzung von Lutschisti zu sprechen. Deshalb läuft die Organisation über Starschina, Er ist dazu völlig bereit. Sobald die Funkstelle eingerichtet ist oder ohne Hilfe von Starschina ausgekommen werden kann, wird Starschina die Verbindung zu Hans untersagt, sie erfolgt über Korsikanez.


Bericht von Trubetzkoj (Mitarbeiter des NKGB) - Juni 1941
  
1. Die Treibstoffvorräte der Deutschen reichen noch bis Februar oder März des nächsten Jahres.

2. Die Verantwortlichen für die Brennstoffversorgung sind auf Grund des Zustands in ihrem Bereich besorgt. Angesichts dieser Lage muss man damit rechnen, daß der Angriff der deutschen Wehrmacht vor allem in Richtung Maikop erfolgt.

3. Nach Meinung von Spezialisten können im Falle der Eroberung der Erdölgebiete der Sowjetunion diese nicht früher als nach 6-9 Monaten ihrer Wiederherstellung genutzt werden und werden auch nur die Hälfte ihrer Kapazität hergeben.

4. Die Massenproduktion von Flugzeugen hat in den besetzten Ländern noch nicht begonnen. Die Flugzeugwerke in diesen Ländern sind im wesentlichen mit der Reparatur der Technik beschäftigt.


Funkspruch von Anatoli Markowitsch Gurewitsch alias Viktor Sukulow (GRU-Agent, Deckname Kent) nach seinem Besuch in Berlin von Brüssel nach Moskau an den militärischen Nachrichtendienst GRU - 21. November 1941
1. Die deutsche Luftwaffe hat schwere Verluste erlitten, und gegenwärtig beträgt der Gesamtbestand nur 2700 Flugzeuge aller Typen, die kampftauglich sind.

2. Die monatliche Zuführung an die Luftwaffe beträgt 100 statt 750 Flugzeuge.

3. Die deutsche Abwehr hat ein englisches Agentennetz auf dem Balkan entdeckt. Den Deutschen fiel eine größere Menge amerikanischer und englischer Funkschlüssel in die Hände.

4. Sowjetische Flugzeuge bombardierten Potsdam und drangen bis Lübeck vor, wo sie ein Scheinobjekt bombardierten, das sich auf dem Wasser befand.


Funkspruch von Anatoli Markowitsch Gurewitsch alias Viktor Sukulow (GRU-Agent, Deckname Kent) nach seinem Besuch in Berlin von Brüssel nach Moskau an den militärischen Nachrichtendienst GRU - 27. November 1941
  
Gut angekommen. Habe Tenor getroffen und mit Harro gesprochen. Alles steht günstig. Die antifaschistische Gruppe ist beträchtlich angewachsen und arbeitet aktiv. Das Funkgerät funktioniert, aber aus unerklärlichen Gründen kommt trotzdem keine Verbindung zustande. Nach Erhalt des Signals über den Empfang des Funkspruchs werde ich zusätzlich eine Information von Korsikanez und Starschina absetzen. Gegenwärtig ist meine Unterbringung gesichert.
Funkspruch von Albert Hößler (deutschstämmiger Fallschirmagent des NKWD) von Berlin nach Moskau an den Auslandsnachrichtendienst des NKWD - August 1942
Akim =  Walter Husemann
Harro =  Harro Schulze-Boysen
Klein =  Hans Coppi
Korsikanez (Korse) =  Arvid Harnack
Lutschisti (Leuchtender) =  Karl Behrens
Starschina (Feldwebel) =  Harro Schulze-Boysen
Stepanow =  Alexander Korotkow
Tenor =  Kurt Schumacher

Zitiert nach:
Hans Coppi, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel:
Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1994, S. 121 ff.

Verhaftung und Tod

  
Suchen Sie in Berlin Adam Kuckhoff oder seine Frau in der Wilhelmstraße 18, Tel. 83-62-61, zweite Treppe links, obere Etage, auf und erklären Sie, dass Sie von einem Freund Arvids und Harros geschickt werden, den Arvid als Alexander Erdberg kennt. Erinnern Sie an das Buch Kuckhoffs, daß er ihm vor dem Krieg geschenkt hat und an das Theaterstück Ulenspiegel. Schlagen Sie Kuckhoff vor. Ihnen, Kent, ein Zusammentreffen mit Arvid und Harro zu arrangieren. Wenn es nicht möglich ist, dann klären Sie über Kuckhoff:

1. Wann wird die Funkverbindung aufgenommen und warum funktioniert sie nicht?

2. Wo sind alle Freunde und wie ist Ihre Lage? Italjanez, Lutschisti, Leo, Karl und die anderen?

3. Lassen Sie sich ausführlich informieren für die Übermittlung an Erdberg.

4. Schlagen Sie vor, sofort jemanden zur Verbindungsaufnahme nach Istanbul, der sich persönlich an den Handelsvertreter wendet oder nach Stockholm zu schicken, der sich persönlich an den Konsul wendet, in beiden Fällen im Namen von Strahlmann.

5. Bereiten Sie Unterbringungsmöglichkeiten für die Aufnahme von Personen vor.

Falls Kuckhoff nicht anzutreffen ist, wenden Sie sich an die Frau von Harro Schulze-Boysen, Libertas, Adresse Altenburger Allee 19, Tel. 99-58-47, erklären Sie, daß Sie von jemanden kommen, der sie gemeinsam mit Elisabeth in Marquardt kennengelernt hatte. Dieser Auftrag gilt auch, falls Sie Kuckhoff antreffen sollten.


Funkspruch vom militärischen Nachrichtendienst GRU von Moskau nach Brüssel an Anatoli Markowitsch Gurewitsch alias Viktor Sukulow (GRU-Agent, Deckname Kent) - 26. August 1941

Dieser Auftrag war von Aleksiej Panfilow (Leiter des Militärnachrichtendienstes GRU), Iwan Iwanowitsch Iljitschow (Kommissar der GRU) sowie von Pawel Fitin (Leiter des Auslandslandsnachrichtendienstes des NKWD) unterzeichnet. Im Oktober 1941 kam es tatsächlich in Berlin zu einem Treffen von Kent und Schulze-Boysen.

Dieser Funkspruch wurde der Berliner Spionage- und Widerstandsgruppe zum Verhängnis: Er war zwar verschlüsselt, konnte aber knapp ein Jahr später von der Gestapo decodiert werden.

Funkspruch zitiert nach Coppi/Danyel/Tuchel, a.a.O. S. 138.


Polizeifotos nach der Verhaftung. Das mittlere diente als Vorlage für die 1983 von der DDR herausgegebene Briefmarke.


Todesurteil des Reichskriegsgerichts vom 19. Dezember 1942, Abschiedsbrief vom 22. Dezember 1942.


Oben: Am 15. Dezember 1942, dem Eröffnungstag des ersten Rote-Kapelle-Prozesses vor dem Reichskriegsgericht, wurde auf Weisung Hitlers im Hinrichtungsraum der Haftanstalt Berlin-Plötzensee eine Eisenschiene mit Fleischerhaken angebracht. Bis dahin wurden Todesurteile von Militärgerichten durch Erschießung und die von Zivilgerichten durch Enthauptung mit der Guillotine (oben rechts im Vordergrund) vollstreckt. Nun wurde das qualvollere und besonders entehrende Erhängen eingeführt. – Rechts: In der Gedenkstätte Plötzensee im Hüttigpfad in 13627 Berlin ist heute noch die Eisenschiene, an der Harro Schulze-Boysen an einem der Fleischerhaken starb, zu sehen.


   

Bericht des Chefs der
Sicherheitspolizei und des SD IV A 2 - B Nr. 330/42 vom 22.12.1942 über die Rote Kapelle

Dieser Bericht "über die Aufrollung der kommunistischen Spionage- und Hochverratsorganisation im Reich und in Westeuropa - 'Rote Kapelle'" ist das komprimierte Ergebnis der Sonderkommission Rote Kapelle, die Ende August/Anfang September 1942 von der Gestapo eingerichtet wurde.

Dieser Bericht der Gestapo ist eine der wichtigsten Quellen zur Roten Kapelle. Obwohl er ein Schlüsseldokument darstellt und seit den 1960-er Jahren in fast jeder größeren Publikation über die Rote Kapelle zitiert wird, wird er hier erstmals veröffentlicht.

Rote Kapelle. 90-seitiger Gestapo-Bericht über die Aufrollung der Spionage- und Widerstandsgruppen.


Liste der Verhafteten und Toten der Berliner Roten Kapelle

Arnold Bauer  (Entlassung)
Carl Baumann  (Entlassung)
Cato Bontjes van Beek
Jan Bontjes van Beek  (Entlassung)
Karl Behrens
Hanna Berger  (Freispruch)
Liane Berkowitz
Karl Böhme
Wilhelm Bölter  (8 Jahre Zuchthaus)
Elsa Boysen  (Entlassung)
Cay von Brockdorf  (4 Jahre Gefängnis)
Erika von Brockdorf
Eva Maria Buch
Leo Buschmann  (Entlassung)
Hans Coppi
Hilde Coppi
Jutta Dubinsky  (8 Jahre Zuchthaus)
Viktor Dubinsky  (5 Jahre Gefängnis)
Erwin Gehrts
Ursula Goetze
Hans (richtig: Herbert) Gollnow
Otto Gollnow  (6 Jahre Zuchthaus)
Herbert Grasse
John Graudenz
Toni Graudenz  (3 Jahre Gefängnis)
Adolf Grimme  (3 Jahre Zuchthaus)
Maria Grimme  (Freispruch)
Wilhelm Guddorf
Ruthild Hahne  (4 Jahre Zuchthaus)
Arvid Harnack
Mildred Harnack
Horst Heilmann
Carl Helfrich  (KZ)
Erich Heyne (richtig: Heine)  (10 Jahre Zuchthaus)
Hildegard Heyne (richtig: Heine)  (5 Jahre Gefängnis)
Bruno Hempel  (2 Jahre Zuchthaus)
Hans Henninger  (4 Jahre Gefängnis)
Hans Helmut Himpel
Walter Hoffmann  (1 Jahr Gefängnis)
Bruno (richtig: Albert) Hößler
Emil Hübner
Max Hübner  (6 Jahre Zuchthaus)
Marta Husemann  (4 Jahre Gefängnis)
Walter Husemann
Else Imme
Hanni Kaminski  (Entlassung) *)
Heinrich Koenen
Werner Kraus (richtig: Krauss)  (5 Jahre Zuchthaus)
Anna Krause (richtig: Krauss)
Rainer Küchenmeister  (KZ)
Walter Küchenmeister
Adam Kuckhoff
Greta Kuckhoff  (10 Jahre Zuchthaus)
Hans Heinrich Kummerow
Ingeborg Kummerow
Klarissa Kupferberg  (Entlassung)
Fritz Lange  (5 Jahre Zuchthaus)
Josef Lappe  (Entlassung)
Hans Lautenschläger  (5 Jahre Zuchthaus)
Ina Lautenschläger  (6 Jahre Zuchthaus)
Stella Mahlberg  (Entlassung)
Helmut Marquardt  (Freispruch, dann KZ)
Marcel Melliand  (Entlassung)
Klara Nemetz (richtig: Nehmitz)  (Entlassung)
Eugen Neutert
Elfriede Paul  (6 Jahre Zuchthaus)
Fritz Rehmer
Andre Richter  (3 Jahre Zuchthaus)
Eva Rittmeister  (3 Jahre Gefängnis)
John Rittmeister
Helmut Rohloff (richtig: Roloff)  (Entlassung)
Klara Schabbel
Leo Schabbel  (5 Jahre Gefängnis)
Ilse Schaeffer  (3 Jahre Zuchthaus)
Philipp Schaeffer
Friedrich Schauer  (8 Jahre Zuchthaus)
Heinrich Scheel  (5 Jahre Zuchthaus)
Rudolf von Scheliha
Lotte Schleiff  (8 Jahre Zuchthaus)
Friedrich Bodo Schlösinger
Rose Schlösinger
Erika Schmidt  (4 Jahre Zuchthaus)
Gerda (richtig: Herta) Scholz  (Entlassung)
Paul Scholz  (3 Jahre Zuchthaus)
Oda Schottmüller
Heinrich Schrader  (3 Jahre Zuchthaus)
Kurt Schulze
Harro Schulze-Boysen
Libertas Schulze-Boysen
Elisabeth Schumacher
Kurt Schumacher
Wilhelm Schürmann-Horster
Leo Skrzypczynski  (Freispruch, dann KZ)
John Sieg
Sophie Sieg  (KZ)
Ilse Stöbe
Heinz Strehlow
Rosemarie Terwiel
Wilhelm Thews *)
Fritz Thiel
Hannelore Thiel  (6 Jahre Gefängnis)
Wolfgang Thieß
Dr. Thomfor (richtig: Erhard Tohmfor)
Frau Thomfor (richtig: Gertrud Tohmfor)  (Entlassung)
Dir. Thuestedt *)
Heinz Verleih  (5 Jahre Zuchthaus)
Albert Voigts
Martin Weise
Günter Weisenborn  (3 Jahre Zuchthaus)
Margrit Weisenborn  (Entlassung)
Hanni Weissensteiner  (Entlassung)
Richard Weissensteiner
Frida Wesolek
Johannes Wesolek  (6 Jahre Zuchthaus)
Stanislaus Wesolek
Walter Wesolek  (Entlassung)

 
Klaus Lehmann (Bearbeiter): Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack, Zentrale Forschungsstelle der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN, Berlin 1948, S. 18 u. 26. Faksimileausgabe der Seiten 3 bis 27 und 86 bis 88. PDF 1,7 MB. Mit Links zu Wikipedia, soweit dort ein Artikel vorhanden ist.

Dieser Aufstellung zufolge wurden 116 Personen verhaftet (S. 18, Friedrich Bodo Schlösinger von S. 26 fehlt dort irrtümlich). Von diesen wurden 35 zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. 4 wurden freigesprochen. 5 kamen in ein Konzentrationslager, darunter auch zwei der Freigesprochenen. 17 wurden ohne Prozess, teilweise sehr schnell, teilweise erst nach längerer Haft, entlassen. – Es gab weitere Personen, die verhaftet und teilweise zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, aber in dieser Aufstellung der VVN fehlen.

57 rot gekennzeichete Verhaftete (S. 26) kamen ums Leben. Dei meisten wurden auf Grund eines Todesurteils des Reichskriegsgerichts oder des Volksgerichtshofs hingerichtet. Herbert Grasse, John Sieg und Friedrich Bodo Schlösinger begingen Selbstmord. Bei Albert Hößler, Heinrich Koenen und Albert Voigts ist die Todesart ungeklärt. Siehe auch: Die Toten der "Roten Kapelle".

*) Auf S. 26 ist fälschlich Hanni Kaminski als eine der Toten genannt. Dies ist ein Irrtum, wie aus der Finck-Studie hervorgeht, die in der Bibliothek der Central Intelligence Agency (CIA) liegt. Dieser Fehler ist in der obigen Darstellung bereits berücksichtigt. Dir. Thuestedt konnte schon vor Jahrzehnten nicht ermittelt werden, wie ebenfalls aus der Finck-Studie hervorgeht. Bei Wilhelm Thews ist kein Zusammenhang mit der Roten Kapelle erkennbar. – Die beiden erschossenen Fallschirmagenten Wilhelm Fellendorf und Erna Eifler, die in späteren Auflistungen einbezogen werden, fehlen in dieser Aufstellung. Ebenso fehlt der Fallschirmagent Robert Barth, dessen Spur im KZ Ravensbrück endet und der 1952 mit Wirkung zum 31.12.1945 für tot erklärt wurde.

Nachwirkung

  
In der Bundesrepublik galt die Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe jahrzehntelang als reine Spionageorganisation und als Teil der aus Moskau gesteuerten Roten Kapelle, die sogar über das Kriegsende hinaus aktiv war.

Diese Vorstellungen wurden in besonderem Maße von Manfred Roeder gefördert, der bei den Reichskriegsgerichtsprozessen gegen die Rote Kapelle die Anklage vertreten hatte.

Greta Kuckhoff, Adolf Grimme und Günther Weisenborn hatten seit 1945 vergeblich versucht, juristisch gegen Manfred Roeder vorzugehen. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg stellte 1951 das Verfahren ein, da sie in ihrem 1732 Seiten umfassenden Schlussbericht keine Anhaltspunkte dafür fand, dass das Verfahren gegen die Rote Kapelle ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dargestellt habe. In keinem Falle habe Roeder eine Rechtsbeugung oder sonstige Straftat nachgewiesen werden können. *)

Links das Cover einer 36-seitigen Broschüre von Manfred Roeder mit dem Titel Die Rote Kapelle. Aufzeichnungen des Generalrichters / Europäische Spionage aus dem Jahr 1952. Roeder erläutert dort, inwieweit die Hingerichteten in die Spionagetätigkeit verwickelt waren. Nach seiner Vorstellung setzten in den 1950-er Jahren Veteranen der Gruppe, teilweise in Schlüsselpositionen gelangt, die Arbeit der Roten Kapelle fort. Er konstruierte auch eine Verbindung zu den britischen Spionen Donald Maclean und Guy Burgess, die sich 1951 in die Sowjetunion abgesetzt hatten.

In der Bibliothek der Central Intelligence Agency (CIA) befindet sich eine englische Übersetzung PDF 5,8 MB der Seiten 7 bis 36 dieser Broschüre sowie eine Zusammenfassung mit einem Namensindex. PDF 939 KB

Beim Counter Intelligence Corps (CIC), dem amerikanischen Militärgeheimdienst, war man in der Tat überzeugt, dass Veteranen der Roten Kapelle immer noch für die UdSSR aktiv waren, wie aus einem ebenfalls bei der CIA archivierten CIC-Ermittlungsbericht vom 13. Mai 1948 PDF 2 MB hervorgeht. Dort erfährt man auch, dass Manfred Roeder, der von den Amerikanern interniert und befragt worden war, unter dem Decknamen Othello geführt und "im vollsten Umfang abgeschöpft" wurde. Eine weitere Verwendung wurde nicht empfohlen, weil er ein Hauptziel der früheren Rote-Kapelle-Mitglieder und deren sowjetischen Sponsoren sei. Er werde höchstwahrscheinlich überwacht werden und es sei zu befürchten, dass er, wenn unter Druck gesetzt, seine Verbindung zum CIC enthüllen würde, um sich zu schützen (Punkt 5a). Seine Freilassung solle so erfolgen, dass er nicht in die Hände der Sowjets gerät (Punkt 6h).

*) Heinrich Grosse: Ankläger von Widerstandskämpfern und Apologet des NS-Regimes nach 1945 - Kriegsgerichtsrat Manfred Roeder, in: Kritische Justiz 2005, S. 36-55. PDF 130 KB


    
Der Stern startete am 6. Mai 1951 in Heft 18 unter dem Titel "Rote Agenten mitten unter uns" eine Serie über die sowjetische Spionage, die in weiteren acht Folgen bis Heft 26 fortgesetzt wurde. Die Tätigkeit der Roten Kapelle fand demzufolge ihre direkte Fortsetzung in Form der Spionage des Ostblocks in der aktuellen Nachkriegszeit. Mit den Mitgliedern der Roten Kapelle ging der Stern in seiner Einleitung hart ins Gericht:

"Das Thema dieses Tatsachenberichtes ist zweifellos eines der "heißesten Eisen", mit denen sich eine Zeitung in Deutschland heute beschäftigen kann. Wenn man das über ganz Europa gebreitete Netz der sowjetischen Spionage darstellen will, dann kommt man um eine Aufrollung des Falles "Rote Kapelle" nicht herum. Unter diesem Namen wurde mitten im Kriege die entscheidende Agentengruppe des Kreml in Deutschland ausgehoben und abgeurteilt. Die Namen ihrer Mitglieder, von denen eine Reihe hingerichtet wurde, erschienen nach 1945 in den Ehrenlisten der Widerstandskämpfer gegen Hitler. Manche entgingen dem Urteil, manche entgingen der Bestrafung, manche wurden bei Kriegsende befreit. Einige bekleiden heute, dank ihrer angeblichen Verdienste als Widerstandskämpfer, hohe und höchste Ämter in der Deutschen Demokratischen Republik jenseits, oder in der Deutschen Bundesrepublik diesseits des Eisernen Vorhangs. [...]

Wir meinen, daß derjenige, der für die Sowjets arbeitete, kein Recht hatte, sich seines Kampfes gegen die Nazis zu rühmen. Der Hochverräter, der um einer sauberen politischen Idee willen gegen das herrschende System arbeitet, hat auf die Achtung selbst seiner politischen Gegner Anspruch. Der Landesverräter, der mit dem Feind konspiriert, ist in allen Ländern der Welt, in allen Armeen und unter allen politischen Systemen noch immer als ein Lump angesehen und entsprechend behandelt worden. [...]

Man kann Hitler nicht mit Stalin bekämpfen, wenn man nicht vom Regen in den Wolkenbruch geraten will. Wie wenig es den Leuten der "Roten Kapelle" um Hitler, und wie sehr es ihnen um die Bolschewisierung Deutschlands und der Welt zu tun war, das geht allein aus der Tatsache hervor, daß die kommunistische Agententätigkeit für Sowjetrußland mit dem Zusammenbruch des Naziregimes keineswegs beendet war. Das Netz spannt sich heute dichter denn je. [...]"

Kompletter Text der Einleitung


Inschrift am Bundesministerium der Finanzen in der Wilhelmstraße 97 in 10117 Berlin. Dieses Gebäude, das den Krieg überstanden hat, war früher das Luftfahrtministerium, in dem Schulze-Boysen arbeitete. Die Inschrift befindet sich auf ehemaligem Ostberliner Gelände an einem Flachbau an der Niederkirchnerstraße, wo früher die Mauer verlief. Wann die Installation erfolgte, ist unbekannt, möglicherweise noch vor dem Mauerbau im Jahre 1962 zum zwanzigsten Jahrestag der Hinrichtung. Vielleicht ist die Inschrift auch jünger und deshalb relativ hoch angebracht, um über die Mauer hinweg gesehen zu werden.


Die linke DDR-Sonderbriefmarke vom 24. März 1964 im Wert von 20+5 Pfennig erschien im Rahmen einer Serie zur Erinnerung an den kommunistischen Widerstand mit einer Auflage von 3 Millionen. Vermutlich wollte man in dem Jahr, in dem sich der Aufstand vom 20. Juli zum zwanzigsten Mal jährte, einen Gegenpunkt setzen. Es fällt auf, dass nicht etwa ein Funker beim Senden von Botschaften an den sowjetischen Nachrichtendienst abgebildet ist, sondern die friedliche, damals aber lebensgefährliche Produktion von Flugblättern. – Die rechte DDR-Sonderbriefmarke vom 22. März 1983 im Wert von 85 Pfennig erschien mit einigen Monaten Verspätung nach dem vierzigsten Todestag mit einer Auflage von 2,1 Millionen. Der neben den am 22. Dezember 1942 hingerichteten Harnack und Schulze-Boysen abgebildete John Sieg hat bereits am 15. Oktober 1942 Selbstmord verübt.


         Der Spiegel startete am 20. Mai 1968 eine zehnteilige Serie mit dem Titel
ptx ruft moskau. Die Geschichte des Spionageringes "Rote Kapelle",
die in Heft 21 bis 30 erschien.
Gilles Perrault:  Die Geschichte des sowjetischen Spionageringes "Rote Kapelle"
Gilles Perrault: Das Agenten-Netz in Belgien
Gilles Perrault: Das Agenten-Netz in Frankreich
Heinz Höhne:Gegenschlag der deutschen Abwehr
Heinz Höhne:Die Gruppe Schulze-Boysen/Harnack
Heinz Höhne:Zwischen Widerstand und Landesverrat
Heinz Höhne:Die Verhaftungsaktion der Gestapo
Heinz Höhne:Das Ende der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack
Gilles Perrault: Die Jagd auf den Grand Chef
Gilles Perrault: Das deutsche Funkspiel mit Moskau

Links auf dem Cover von Heft 21 ist im gelben Streifen die NEUE SPIEGEL-SERIE Spionagering 'ROTE KAPELLE' angekündigt. Allerdings wurde in der Serie auch die politische Widerstandstätigkeit der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe beschrieben.


Der Rotbannerorden der Sowjetunion wurde für militärische Heldentaten verliehen. Die kyrillischen Buchstaben CCCP sind die Abkürzung für Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. Die russische Inschrift lautet Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! Schulze-Boysen bekam ihn am 6. Oktober 1969 auf Vorschlag des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit posthum verliehen.
Hohe sowjetische Orden für antifaschistische Widerstandskämpfer. Botschafter Abrassimow überreichte die Auszeichnungen. In: Neues Deutschland, 23. Dezember 1969, Seite 1f

Die am 6. Oktober 1969 mit Orden ausgezeichneten Personen, die im Neuen Deutschland vom 23. Dezember 1969 auf Seite 4 und 5 vorgestellt wurden, sind in der Liste der Opfer kenntlich gemacht. Wie man dort erkennen kann, erhielten andere Mitglieder der Roten Kapelle höhere Orden als Schulze-Boysen. Sein Orden wurde von einem Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Bonn den in Mülheim wohnenden Eltern überbracht.

Weiterhin bekam Kurt Fischer "als Leiter von sowjetischen Kundschaftergruppen in verschiedenen Ländern" den Rotbannerorden. Nach Worten Abrassimov wurden "auf Grund einiger Erwägungen" nicht alle Namen der mit sowjetischen Orden ausgezeichneten Teilnehmer der Widerstandsorganisation Schulze-Boysen/Harnack bekanntgegeben.

Die Leiter der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe bekamen posthum sowjetische Orden, weil sie seit 1935 bzw. 1941 als "Kundschafter für die UdSSR" wichtige politische, wirtschaftliche und militärische Informationen übermittelten.
Neues Deutschland, 23. Dezember 1969, Seite 4


        KLK an PTX - Die Rote Kapelle. DEFA-Spielfilm 178 min, DDR, Premiere am 25. März 1971. Filmplakat von 1971.

Drehbuchautoren waren Wera und Claus Küchenmeister (Sohn eines 1943 hingerichteten kommunistischen Mitglieds der Roten Kapelle). Ihnen waren zwei Fachberater vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und vom Instituts für Marxismus und Leninismus beim Zentralkomitee der SED zur Seite gestellt.

Da der Fachberater vom ZK als Offizier im besonderen Einsatz (OibE) für die Stasi arbeitete und auch die beiden Küchenmeisters Inoffizielle Mitarbeiter (IM) waren, war die Kontrolle des MfS über das Quartett perfekt.

DVD-Cover 2010

Das Ergebnis war eine auf den unbedarften Zuschauer recht überzeugend wirkende Geschichtsklitterung über einen schöngeistigen Freundeskreis, der unter Führung der hauptsächlich von John Sieg repräsentierten KPD die Freundschaft zur Sowjetunion pflegte.

Erich Honecker und Erich Mielke kamen persönlich zur Premiere des mit über sechs Millionen Mark für damalige DDR-Verhältnisse aufwändig produzierten Films.

Innerhalb eines Vierteljahres hatten 1,7 Millionen Ostdeutsche - jeder zehnte DDR-Bürger - den fast dreistündigen Film gesehen.


    


Schulze-Boysen-Medaille
des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR.

Die Inschriften lauten:

Harro Schulze-Boysen 1909-1942
Ministerium für Staatssicherheit
Patriot · Internationalist · Revolutionärer Kämpfer

Diese metallene Medaille mit einem Durchmesser von 33 mm wurde auch in einer Version aus Meißener Porzellan (Durchmesser 16 mm, 1974) verliehen. Auch mit dem Konterfei von Arvid Harnack, Ilse Stöbe und John Sieg gab es entsprechende Medaillen der Stasi.

Weiterhin gab es einen 3-er-Medaillensatz Sorge/Schulze-Boysen/Abel im Etui. Die beiden anderen Medaillen dieses Satzes waren den sowjetischen Spionen

Dr. Richard Sorge 1895-1944
Heisses Herz · Kühler Kopf · Saubere Hände

und

Dr. h.c. Rudolf Iwanowitsch Abel 1903-1971
Kundschafter kämpfen als Internationalisten

gewidmet.

Die Dr.-Richard-Sorge-Medaille in 900-er Gold war die höchste Auszeichnung des MfS. Die Verleihung dieser nicht offen zu tragenden Medaille erfolgte ausschließlich durch den Stasi-Minister Erich Mielke.


In 14974 Ludwigsfelde und 39116 Magdeburg gibt es Harro-Schulze-Boysen-Straßen. In 04317 Leipzig, 10365 Berlin (seit 1. März 1972, Bild), 18069 Rostock und 47169 Duisburg gibt es nach dem Ehepaar Libertas und Harro benannte Schulze-Boysen-Straßen. In Kiel, dem Geburtsort Schulze-Boysens, erhielt im Jahr 2009 anlässlich seines 100. Geburtstags ein 412 Meter langer Rad- und Fußweg im Pastor-Husfeldt-Park den Namen Harro-Schulze-Boysen-Weg.


Links: Gedenkstein neben einem von Hans Kies geschaffenen Reliefportrait Schulze-Boysens an der Mildred-Harnack-Oberschule in der Schulze-Boysen-Straße 12 in 10365 Berlin. Die Installation wurde Pfingsten 1979 durch die FDJ-Bezirksorganisation Gera anläßlich des Nationalen Jugendfestivals der DDR eingeweiht. – Rechts: Gedenktafel am früheren Wohnhaus in der Altenburger Allee 19 in 14050 Berlin, die am 29. September 1987 enthüllt wurde.


    Carl Baumann: Rote Kapelle Berlin, 1941, Tempera auf Nessel, 79 x 99 cm. Dieses Bild war im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster im Juli 1991 das Kunstwerk des Monats. PDF 3,6 MB

Der 1912 in Hagen geborene Künstler konnte damals nicht wissen, dass er ein künstlerisches Zeitzeugnis ersten Ranges geschaffen hatte. Von links nach rechts sieht man Harro Schulze Boysen, Kurt Schumacher, Walter Küchenmeister, die wie Architekt, Handwerker und Zeichner vor einer unfertigen Brückenkonstruktion stehen, ganz rechts am Rand den Künstler selbst.

Baumann steht auf der VVN-Liste der Roten Kapelle. Er war als Soldat auf Studienurlaub zur Weiterbildung an der Berliner Akademie, als dieses Bild entstand. Als 1942 die Gestapo sein Atelier besuchte, erkannte sie nicht, wer darauf abgebildet war. Wegen seiner verdächtigen Kontakte kam Baumann fünf Monate in Gestapohaft, danach an die Ostfront. Er starb 1996.


  
Aufhebung des Reichskriegsgerichtsurteils gegen Harro Schulze-Boysen

Am 24. Februar 2006 hob die Staatsanwaltschaft Berlin das Urteil des Reichskriegsgerichts gegen Harro Schulze-Boysen auf Antrag seines Bruders Hartmut Schulze-Boysen mit einem Bescheid unter dem Aktenzeichen 2 P Aufh. 3/05 auf. Der Antrag berief sich auf das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege (NS-AufhG) von 1998.

Durch das NS-AufhG werden Urteile, die unter Verstoß gegen elementare Gedanken der Gerechtigkeit nach dem 30. Januar 1933 zur Durchsetzung oder Aufrechterhaltung des nationalsozialistischen Unrechtsregimes aus politischen, militärischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen ergangen sind, pauschal aufgehoben. Auf Antrag stellt die Staatsanwaltschaft fest, ob ein Urteil aufgehoben ist und erteilt eine entsprechende Bescheinigung. Antragsberechtigt sind der Verurteilte, nach seinem Tode seine Verwandten und Verschwägerten gerader Linie, seine Geschwister, der Ehegatte und der Verlobte. Sind alle Antragsberechtigten verstorben oder ist ihr Aufenthalt unbekannt, so hat die Staatsanwaltschaft die Feststellung von Amts wegen zu treffen, wenn dafür ein berechtigtes Interesse dargetan wird.

Hartmut Schulze-Boysen erreichte diese Aufhebung, obwohl sein Bruder nach Gesetzesparagrafen als Kriegsverräter verurteilt worden war, die damals im NS-AufhG noch nicht explizit genannt waren.

2009 wurde das NS-AufhG dahingehend erweitert, dass auch zur Aufhebung von Urteilen wegen Kriegsverrats keine Einzelfallprüfung mehr erforderlich ist. Die Barrieren, die Hartmut Schulze-Boysen im Jahr 2006 noch mit entsprechenden Argumenten überwinden musste, sind damit entfallen.

Die Todesstrafe für Spionage war keine für den Nationalsozialismus spezifische Rechtssprechung. Gerichte in Großbritannien oder in den USA sind im Zweiten Weltkrieg in entsprechenden Fällen zu demselben Ergebnis gekommen. – Nichtsdestotrotz gilt nach heute in Deutschland geltendem Recht die Spionage zu Ungunsten des Dritten Reichs, wie auch im Falle der Roten Kapelle, nachträglich als pauschal rehabilitiert.


Harro Schulze-Boysen - Anhang.

Rote Kapelle. 90-seitiger Gestapo-Bericht.

Vergleich Lubbe - Elser - Schulze-Boysen - Scholl - Stauffenberg.

Dieser Artikel ist Teil der Online-Edition Mythos Elser.