Befehl zur Liquidierung Georg Elsers eine Fälschung?

Spekulationen von Günter Peis in einer "Focus"-Reportage aus dem Jahr 1995

Elser wurde nicht auf Befehl von "höchster Stelle" am 9. April 1945 im KZ Dachau erschossen. Vielmehr haben prominente Häftlinge mit ihren SS-Bewachern "einen Deal ausgehandelt", dem Elser mit Hilfe eines gefälschten Dokuments zum Opfer fiel. Was ist von dieser keineswegs als Scherz gemeinten Theorie zu halten, die 1995 in einer Reportage des "Focus" aufgestellt wurde?


VON PETER KOBLANK (2007)

Der Befehl zur Liquidierung Georg Elsers wurde 1950 von Sigismund Payne Best in seinen Memoiren The Venlo Incident 1 veröffentlicht. Captain Best war einer der beiden britischen Geheimdienstoffiziere, die am Tag nach dem Bürgerbräuattentat in Venlo an der holländischen Grenze von einem deutschen Sonderkommando gekidnappt und einige Tage später von der NS-Propaganda als Drahtzieher des Attentats präsentiert wurden. Best war von Ende 1939 bis April 1945 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau inhaftiert.

Replikat der gedenkstätte Deutscher Widerstand - Klicken zeigt Faksimile von Best an

Replikat der gedenkstätte Deutscher Widerstand - Klicken zeigt Faksimile von Best an
Quelle: Sigismund Payne Best, The Venlo Incident, London 1950

Günter Peis: Dieses Schreiben ist eine Fälschung

Der Journalist Günter Peis bezweifelt laut einer Reportage in der Zeitschrift Focus aus dem Jahr 1995 2 die Echtheit dieses Schreibens der Berliner Gestapo-Zentrale an den Dachauer KZ-Kommandanten:

Das Geschäftszeichen unter dem Briefkopf ist nahezu kryptisch. Der Zusatz "Geheime Reichssache" ist untypisch mit der Hand hinzugefügt. Der Brief beinhaltet erstaunliche Orthographiefehler - z. B. "tötlich". Einige Formulierungen - "Ich bitte, auf jeden Fall besorgt zu sein" - passen nicht zum üblichen SS-Kommandoton und klingen zudem auffällig nach einer direkten Übersetzung vom Englischen ins Deutsche. Die Unterschrift ist fast schon gewollt unleserlich gekrakelt, der Name kann keinem Zuständigen in Himmlers Sicherheitspolizei zugeordnet werden.

Der gravierendste Makel: Auf dem ursprünglichen, von Best nach dem Krieg in einem Buch faksimilierten Brief, fehlt das bei solchen Schreiben übliche Zeichen Heinrich Himmlers, ein Kreuz in der oberen rechten Ecke. Das muss jemandem aufgefallen sein.

Denn als Best den Brief einige Zeit später als Beweismittel in einem Prozess gegen NS-Verbrecher nach Deutschland schickt, ist Himmlers Zeichen plötzlich drauf.

Bei Bests Memoiren ist tatsächlich Vorsicht geboten

  
Sigismund Payne Best
Zweifel an der Echtheit des Dokuments sind auf jeden Fall angebracht: Denn was von Sigismund Payne Best stammt, ist grundsätzlich in Frage zu stellen. Die Passagen in seinem Buch, die angeblich auf Kassibern von Georg Elser stammen 3, aber im krassen Widerspruch zur Realität stehen, stellen Bests Glaubwürdigkeit insgesamt in Frage.

Es ist daher nicht von vornherein auszuschließen, dass Best 1950 einen gefälschten Gestapobefehl präsentiert hat, um seine Memoiren, die ja dann auch ein Bestseller wurden, interessanter zu machen.

Wie perfekt waren die Deutschkenntnisse von Best?

Zunächst ist die Frage zu klären, wie gut der britische Secret-Service-Agent die deutsche Sprache beherrschte. Hier als Beispiel ein von Best am 25.10.1948 an Hans Bernd Gisevius in deutscher Sprache geschriebener Brief  4. Die wenigen Fehler, unüblichen Redewendungen und [fehlenden Wörter] sind kursiv hervorgehoben:

Sehr geehrter Herr Gisevius

Mein Name ist Ihnen sicher bekannt da er in dem Inhaltsverzeichnis Ihres Buches vermeldet wird; auch habe ich die letzten Wochen der Gefangenschaft Ihrer Schwester Annelise geteilt.

Endlich ist es mir gelungen ein Exemplar (leider nur in englischer Übersetzung) von Ihrem Buche "To The Bitter End" [zu lesen].

Mir war schon vorher vieles bekannt über Ihre Arbeit für die Opposition während des Krieges aber nachdem ich Ihr Buch gelesen habe kann ich keine Worte finden meine Bewunderung auszusprechen.

Da Sie ziemlich ausführlich über den Fall Georg Elser und seine Verbindung mit der Gefangennahme von Stevens und mir [berichten] wird es Sie vielleicht interessieren eine Schilderung die ich über diese Angelegenheit geschrieben habe. Ich wollte zuerst Ihnen alles auf Deutsch schreiben und bin mit einem langen Brief schon angefangen. Ich glaube aber, dass sie wohl die englische Sprache genügend bemächtigen um meinen Aufsatz lesen zu können. Dieser ist natürlich etwas frei bearbeitet aber ich habe mich gewissenhaft an die mir bekannte Wahrheit [gehalten].

Über die Jugend von Elser und seine erste Zeit in Dachau wurde ich durch ihn selbst und durch zwei der Kalfaktoren in Dachau unterrichtet.

Er hat mir selbst über seine Mitarbeit für die Gestapo bei dem Einbau der Bombe [berichtet]. Dabei hat er mir mehrmals versichert, dass die Bombe durch einen Schalter zum Sprengen gebracht wurde, das Uhrwerk war nur zur Tarnung da.
Über das Leben von Elser in dem Gefängnis in der Prinz Albrecht-Strasse habe ich auch Bestätigung von Obersturmführer Gogolla und von Sturmscharführer Otto bekommen.

Dr. Sigmund Rascher der zu dem persönlichen Stab Himmlers gehörte, und der mein Nachbar in Buchenwald war, hat mir über den Fall de Crinis-Schellenberg unterrichtet. Rascher wurde am 27 April 1945 in Dachau erschossen.

Den Befehl zur Hinrichtung Elsers habe ich noch [in] meinem Besitz und die Übersetzung ist eine getreue Wiedergabe des Inhalts.

Haben Sie das neu erschienene Buch von Schacht "Abrechnung mit Hitler" schon gelesen? Es lohnt sich sehr.

Wo wohnt ihr Fräulein Schwester. Bitte grüßen Sie Ihr auf allerherzlichst von mir.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar wenn Sie so freundlich sein würden meinen Aufsatz nachdem Sie ihn gelesen haben an mir zurückzuschicken. Schreibmaschinenarbeit ist mir vertraut.

Mit freundlichen Grüßen
ergebenst Ihr
(Unterschrift Best)

Trotz einem für einen Ausländer außerordentlich guten Deutsch ist, nicht zuletzt auch auf Grund zahlloser Kommafehler, offensichtlich, dass Best wohl allein schon von den Sprachkenntnissen her nicht als Autor des Schreibens vom 5.10.1945 in Frage kommt.

Welche Substanz haben die Argumente von Peis?

Vor diesem Hintergrund können die Argumente von Peis näher analysiert werden.

  • In der Tat sollte man bei der Gestapo speziell bei einem Wort wie "tödlich" die richtige Schreibweise erwarten dürfen. Andererseits muss fehlerlose Rechtschreibung nicht zu den primären Einstellungsvoraussetzungen in der Prinz-Albrecht-Straße gehört haben.

  • Die Sicherheitspolizei bestand seit 1936 aus Gestapo und Kripo und war seit 1939 Bestandteil des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Die Konzentrationslager gehörten organisatorisch zum SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA). Beide Hauptämter unterstanden dem Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei:

    • Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler
      • Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Ernst Kaltenbrunner
        • Amt IV: Gestapo Heinrich Müller
        • Amt V: Kripo Arthur Nebe
        • Amt VI: SD Ausland Walter Schellenberg
      • SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) Oswald Pohl
        • Amt D: Konzentrationslagerwesen Glücks
          • KZ Dachau Weiter

    Der formale Dienstweg von der Gestapo in Berlin zum KZ-Kommandanten in Dachau lief somit über RSHA - Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei - SS-WVHA - Amt D. Was überrascht es vor diesem Hintergrund, dass der Leiter der Gestapo, Heinrich Müller, auch wenn er ein ranghöherer SS-Gruppenführer war, den Lagerkommandanten des Dachauer KZ, SS-Obersturmbannführer Weiter, formal um Amtshilfe "bat"?

  • "Ich bitte besorgt zu sein, dass..." klingt für den heutigen Leser antiquiert. Die betreffende Stelle heißt bei Best, der das Dokument in seinem Buch auch in englischer Übersetzung wiedergibt: "Please take steps that..." 5 Es trifft also nicht zu, dass der deutsche Text das wörtliche Äquivalent einer englischen Redewendung ist.

    Wie das folgende Beispiel aus einem anderen Kontext zeigt, war die Redewendung, "besorgt zu sein", damals nichts Ungewöhnliches: "Ich selbst erhielt von SS-Oberführer Müller die persönliche Weisung, die Maria Schmauder in Ehrenhaft zu nehmen, für eine besonders anständige Behandlung besorgt zu sein und sie möglichst noch am 14.11.1939 nach München zu verbringen, um eine Gegenüberstellung mit dem des Attentates nunmehr verdächtigen Elser durchzuführen." 6

      
       Heinrich Müller
  • Das Geschäftszeichen ist keineswegs "nahezu kryptisch" sondern lautet "- IV - g.Rs.". Amt IV innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes war die Gestapo, während beispielsweise Amt V die Kripo war. "IV" ohne weitere Zusätze (wie z.B. "IV A 1" o.ä.) war die oberste Ebene dieses Amtes, mit anderen Worten der Chef der Gestapo Heinrich Müller. "g. Rs." bedeutete "Geheime Reichssache". - Auch im Eingangsstempel des Konzentrationslages Dachau ist nichts Ungewöhnliches zu entdecken: "Abteilung VI a Sb, 9.4.45, Tagebuch-Nr. 42/45".

  • Die Tatsache, dass der Hinweis "Geheime Reichssache" nicht gestempelt ist, macht das Dokument nicht zur Fälschung, zumal das "g. Rs." bereits im Briefkopf steht.

  • Die Unterschrift ist unleserlich, teilt diese Eigenschaft jedoch mit der überwältigenden Mehrheit aller Unterschriften. Trotzdem wurde sie im Rahmen der Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft im Fall Elser Anfang der 1950-er Jahre von Anna Schmid, der langjährigen Sekretärin und engen Vertrauten Heinrich Müllers, als die Unterschrift des Gestapochefs identifiziert. Hierzu der Elser-Biograf Hellmut G. Haasis:

    "Schon nach dem Krieg hatten gegenüber dem Münchner Untersuchungsrichter Naaff alte Kameraden versucht, den Befehl aus Berlin für eine Erfindung zu erklären, gestützt auf die zurückhaltenden Formulierungen mit dem mehrmaligen 'ich bitte'. Sie scheiterten an der Aussage von Heinrich Müllers Sekretärin, seiner langjährigen Freundin, die die Unterschrift als seine erkannte. " 7

    Quelle: Bundesarchiv Aachen, nach: Joachim Bornschein, Gestapochef Heinrich Müller, Leipzig 2004, S.18ff Schnellbrief
    Links: Unterschrift 'Müller, SS Standartenführer' unter seinem Lebenslauf vom 11.8.1937
    Rechts: Unterschrift unter dem Schnellbrief vom 5.4.1945.

  • Das Faksimile in Bests Buch ist identisch mit dem von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand veröffentlichten Replikat (siehe oben) 8. Himmler zeichnete Dokumente nicht, wie von Peis dargestellt, mit einem Kreuz ab. Er setzte vielmehr mit Grünstift seinen Namensinitialen: zwei H, verbunden mit einem Querstrich. 9 Ein derartiges "H-H" ist oben rechts auf dem Exemplar des Landgerichts München II 10 nicht zu erkennen.
    Das dort rechts oben angebrachte Vermerk mit der römischen Ziffer "XVII" kann sicherlich nicht so gedeutet werden, dass Best eine nachträgliche Fälschung gegenüber dem zuvor in seinem Bestseller veröffentlichten und somit allseits - auch dem Münchener Gericht - bekannten Faksimile versucht hat. Möglicherweise handelt es sich, ebenso wie bei den beiden nachträglichen Unterstreichungen des Schreibfehlers in "tötlich" auf der zweiten Seite 10, um nachträgliche Hinzufügungen im Rahmen des Gerichtsverfahrens.

Die Fälschungstheorie von Peis kann somit nicht überzeugen. - Immerhin hat Peis darauf verzichtet, die Existenz des Schreibens an sich als Beweis für seine Unechtheit ins Feld zu führen: Denn eigentlich sollte es ja nach Vollzug vernichtet werden und dürfte sich daher der Nachwelt gar nicht mehr zur Diskussion stellen...

Martin Niemöller: Den Befehl zur Ermordung Elsers habe ich selbst gelesen

Es ist ausgeschlossen, dass Best diesen Mordbefehl gefälscht hat, erst nachdem er in Großbritannien zurück war und ihm wieder die Ressourcen des Secret Service zur Verfügung standen. Denn Pastor Martin Niemöller, der mit damals mit Best und anderen Sonderhäftlingen zusammen war, erinnert sich in seinem Schreiben an die Generalstaatsanwaltschaft in München vom 15. September 1950 11:

  
   Martin Niemöller
Den Befehl zur Ermordung Elsers habe ich selbst gelesen. Es stimmt, dass dieser Befehl damals im Besitz des Herrn Best war, der ihn m. W. aus der Aktentasche des uns begleitenden Kommando-Offiziers, eines SS-Untersturmführers Stiller entwendet hatte.

Wer die Ermordung vollzogen hat, weiß ich nicht. Ich kann auch nicht sagen, wer den Befehl unterschrieben hat. Es war sicherlich nicht Hitler selber, sondern entweder Himmler oder der SS-Obergruppenführer Müller.

Der Befehl lautete - dem Sinne nach - dahin, "dass der in Dachau einsitzende Georg Elser bei Gelegenheit des nächsten Luftangriffs auf München unauffällig zu liquidieren sei und dass daraufhin ein Bericht an die Presse zu geben sei, des Inhalts, dass der aus dem Attentat bekannte Georg Elsers bei dem letzten Luftangriff auf München tödlich verwundet worden" sei.

Ich bin überzeugt, dass Herr Best die ganzen Zusammenhänge, soweit er sie kennt, und auch die urkundlichen Unterlagen, soweit sie in seinem Besitz sind, in seinem geplanten Buch auch veröffentlichen wird.

"Dachauer Verschwörung"

Der Befehl wurde also nicht erst nachträglich fabriziert. Daher stellt Günter Peis das angeblich von Best gefälschte Schreiben in den Kontext einer Dachauer Verschwörung. In der Focus-Reportage heißt es:

"Der Autor", meint Peis, "war offenbar Best." Der Brite hatte Motive genug, diesen Befehl zu fabrizieren. So hätte er sich damit, gemeinsam mit den anderen "prominenten" Häftlingen, im Chaos des untergehenden Nazi-Deutschlands eine bevorzugte Behandlung in Dachau gesichert.

Vor allem, vermutet Peis, "hat Best die Aussagen gefürchtet, die Georg Elser nach der bevorstehenden Befreiung hätte machen können". Nach dem Münchener Anschlag ist Best, parallel zu Elser, in Berlin verhört worden und hatte dabei kriegsrelevante Interna aus dem britischen Geheimdienst offenbart. Peis: "Best hatte Angst, dass Elser diese Aussagen bekannt geworden waren."

Angst vor Elser musste aber auch ein SS-Mann haben, der den "Prominenten"-Transport von Sachsenhausen nach Dachau begleitete: Wilhelm Gogalla. Er tat sich bei den Folterungen Elsers im Prinz-Albrecht-Palais als der brutalste Aufpasser hervor. Und er kann auf dieser Fahrt Anfang April 1945 im Besitz des Briefpapiers gewesen sein, auf dem der Befehl zur Ermordung Elsers geschrieben wurde.

Peis vermutet eine "Dachauer Verschwörung". Demnach haben die prominenten Häftlinge mit ihren SS-Bewachern "einen Deal ausgehandelt", der sich so darstellt: "Ihr bringt uns aus diesem Hexenkessel heil raus, und wir entlasten euch nach dem Krieg." Tatsächlich wurden einige Häftlinge des Dachauer Sonderblocks vor der Befreiung evakuiert. Und tatsächlich ist gegen Verbrecher wie Gogalla in dieser Sache nie Anklage erhoben worden. Der Zeuge Elser hätte ohnehin nicht mehr aussagen können. Ihn hat man nicht evakuiert, sondern erschossen.

Um seine Theorie vom gefälschten Mordbefehl zu retten, deutet Günter Peis an, Männer vom Format eines Martin Niemöller und anderer Sonderhäftlinge hätten unter Zuhilfenahme eines in Wirklichkeit von Best fabrizierten Schreibens mit SS-Angehörigen einen "Deal" ausgehandelt, den Georg Elser mit dem Tod bezahlen musste.

Wo waren Best und die anderen Sonderhäftlinge vor Elsers Tod?

An Hand von Bests Memoiren 12 lassen sich die Wochen vor der Ermordung Elsers - unter Einbeziehung der in dem Schreiben genannten anderen Personen - rekonstruieren:

20.2.1945  Best wird, weil die russische Front immer näher rückt, von Sachsenhausen im Norden Berlins, wo er seit Ende 1939 inhaftiert ist, nach Buchenwald bei Weimar verlegt. Mit zwei anderen Gefangenen, einer davon der Russe Wassilli Kokorin (Neffe des russischen Außenministers Molotow), wird er zunächst nach Berlin in das Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht und zwei Tage eingesperrt. In Berlin begegnet Best dem SS-Obersturmführer Walter Gogalla.

22.2.1945 Ankunft im KZ Buchenwald, wo u.a. auch Alexander von Falkenhausen (Militärgouverneur von Belgien und Nordfrankreich) und Dietrich Bonhoeffer (Evangelischer Geistlicher) gefangen sind.

3.4.1945 Abtransport in Richtung Süden zusammen mit u.a. Alexander von Falkenhausen, Wassilli Kokorin und Dietrich Bonhoeffer. Über Weiden (Nähe KZ Flossenbürg), Regensburg und Straubing nach Schöneberg.

8.4.1945 Dietrich Bonhoeffer wird in das KZ Flossenbürg verlegt, wo er am 9.4.1945 ermordet wird.

9.4.1945 SS-Obersturmführer Walter Gogalla kommt von Berlin aus nach Schöneberg und hat folgende Gefangene aus dem KZ Flossenbürg dabei: Dr. Kurt Schuschnigg (österreichischer Bundeskanzler) mit Frau Vera und 4-jährigem Kind Sissie, Dr. Hjalmar Schacht (Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident), Franz Halder (Generalstabschef), Georg Thomas (General), Bogislav von Bonin (Oberst im Generalstab).

Best, von Falkenhausen, Kokorin, die Schuschniggs, Schacht, Halder, Thomas und von Bonin werden von Gogalla nach Dachau transportiert.

Gogalla liefert dort offensichtlich das Schreiben vom 5.4.1945 aus Berlin ab, das den Eingangsstempel diesen Tages trägt und nahtlos in den Kontext passt.

Am späten Abend wird Georg Elser ermordet, ohne dass ein Fliegerangriff abgewartet wird.

10.4.1945 Am Morgen trifft Best auf den Oberkalfaktor Paul Wouwer, den er im KZ Sachsenhausen 1940 als Friseur kennengelernt hatte. Dieser will gehört haben, dass Georg Elser am Vortag unmittelbar nach ihrer Ankunft von Untersturmführer Stiller in den Garten geführt wurde. Ein Mann sei aus einer der Todeszellen geholt worden, habe Elser mit Genickschuss ermordet und sei gleich darauf selbst exekutiert worden. Beide Leichen seien dann sofort zum Krematorium gebracht worden. - Elsers Liquidierung am 9.4.1945 wurde in den 50-er Jahren Landgericht München II genauer rekonstruiert und der tatsächliche Täter, SS-Oberscharführer Theodor Bongartz, ermittelt.

Es gibt angesichts dieser zeitlichen Abfolge, an der alle in dem Schreiben genannten Personen nachvollziehbar beteiligt waren, nicht den geringsten Spielraum für eine Dachauer Verschwörung.

Odyssee in die Alpen

Am 24. April 1945 wurden, nachdem die Amerikaner immer näher rückten, über hundertdreißig Sonder- und Sippenhäftlinge aus Dachau evakuiert. In Begleitung von einigen Dutzend SS-Bewachern unter Leitung von SS-Obersturmführer Edgar Stiller und SS-Untersturmführer Bader, die den Auftrag hatten, die Gefangenen im Zweifelsfall zu liquidieren, brachen sie mit Bussen und Lastwagen zu einer dramatischen Odyssee auf. Über Innsbruck und den Brenner kamen sie schließlich nach Niederdorf im Pustertal, wo sie ihre SS-Bewacher am 30. April 1945 mit Unterstützung von Wehrmachtsoffizieren dazu bringen konnten, aufzugeben. Diese Ereignisse wurden zu ihrem 60. Jahrestag gründlich aufgearbeitet 13. 139 Personen, darunter auch alle anderen im Schnellbrief an den Dachauer KZ-Kommandanten genannten Häftlinge, erlangten damals in Südtirol kurz vor Kriegsende ihre Freiheit zurück.

In Niederdorf in Südtirol kam Best in den Besitz des Schnellbriefs 10, dort hat ihn auch Pastor Martin Niemöller gesehen.

Günter Peis hat 1964 im "Stern" 14 zusammen mit Ernst Petry die durch keinerlei Fakten unterlegte Theorie aufgestellt, Elser sei Mitglied einer kommunistischen Troika 15 gewesen. Diese Dreiergruppe hat er im "Focus" erneut erwähnt. Die diskriminierende Behauptung einer "Dachauer Verschwörung" ist somit nicht die erste aus der Luft gegriffene Theorie von Peis zum Fall Georg Elser.

1Sigismund Payne Best, The Venlo Incident, London 1950, S. 208 ff
2Axel Kintzinger, Rätsel rund um den Mord an Georg Elser, Focus 14/1995 (3.4.1995), Hamburg 1995, S. 60 ff
3Sigismund Payne Best, The Venlo Incident, London 1950, S. 128 ff
4Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich, Nachlass Gisevius
5Sigismund Payne Best, The Venlo Incident, London 1950, S. 207
6Aussage von Wilhelm Rauschenberger am 9.8.1950 auf der Kriminalhauptstelle Stuttgart zu den Ermittlungen im Fall Elser, an denen er 1939 als Gestapo-Beamter beteiligt gewesen war. Quelle: Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften 34475/1-5. Zitiert in: Ulrich Renz, Georg Elsers Abschied, Schriftenreihe der Georg Elser Gedenkstätte Königsbronn Band 6, Königsbronn 2005, S. 32
7Hellmut G. Haasis, Elser, Nachträge zur Biographie, Nachtrag Nr. 3,
http://haasis-wortgeburten.anares.org/elser/bio_nachtrag_3.php
8Peter Steinbach/Johannes Tuchel, Ich habe den Krieg verhindern wollen, Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1919, Berlin 1997, S. 90
9Jaques Delarue, Geschichte der Gestapo, Düsseldorf 1964, S. 74
10Peter Koblank, Die Entdeckung des Befehls zur Liquidierung Elsers, in: Online-Edition Mythos Elser
11Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften 34475/1,2
12Sigismund Payne Best, The Venlo Incident, London 1950, S. 164-207
13Hans-Günter Richardi, SS-Geiseln in der Alpenfestung, Bozen 2005
14Ernst Petry/Günter Peis, Der Attentäter, Hamburg 1964, 3-teilige Serie in Stern Nr. 18/1964 (3.5.1964) S. 30 ff; Nr. 19/1964 (10.5.1964) S. 46 ff; Nr. 20/1964 (17.5.1964) S. 80 ff
15Peter Koblank, War Georg Elser Mitglied einer kommunistischen Troika?, in: Online-Edition Mythos Elser

Sigismund Payne Best
Georg Elser in Dachau
Georg Elser: Ermordung
Hellmut G. Haasis: Georg Elsers Ende im KZ Dachau
Franz Lechner (SS-Mann im KZ Dachau)
SS-Dienstgrade
Günter Peis
Zieh' dich aus, Georg Elser!
www.venlo-zwischenfall.de
Die Entdeckung des Befehls zur Liquidierung Elsers
War Georg Elser Mitglied einer kommunistischen Troika?
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Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol

Dieser Artikel ist Teil der Online-Edition Mythos Elser.